i
Kaphahn, Fritz
Die wirtschaftlichen
Folgen
HC
Geschichtliche Studien
Herausgeg'eben von
Dr. -A-irniri Tille
Zweiter Band, erstes Heft
Die wirtschaftlichen Folgen
des 30jährigen Krieges für
die Altmark
Ein Beitrag zur Geschichte des Zusammenbruchs
der deutschen Volkswirtschaft in der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts
Von
Fritz Kaphahn
Gotha 1911
Friedrich Andreas Perthes A.-G.
QesGhiGlitliGhe Studien
Herausgegeben
Dr. Armin Tille
Zweiter Band, erstes Heft
Fritz Kaphahn: Die wirtschaftlichen Folgen des 30jährigen
Krieges für die Altmark
Gotha 1911
Friedrich Andreas Perthes A.-G.
Die wirtschaftlichen Folgen
des 30jährigen Krieges für
die Altmark
Ein Beitrag zur Geschichte des Zusammenbruchs
der deutschen Volkswirtschaft in der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts
Von
Fritz Kaphahn
Gotha 1911
Friedrich Andreas Perthes A.- G.
HC
S7X63S
Meiner lieben Mutter.
Digitized by the Internet Archive
in 2010 with funding from
University of Toronto
http://www.archive.org/details/diewirtschaftlicOOkaph
VorvsTort.
Vorliegender Arbeit, zu der ich die erste Anregung in den
wirtschaftsgeschichtlichen Übungen bei Professor Hoeniger in
Berlin empfing, dienten als Quellen teils gedrucktes, teils un-
gedrucktes Material. Dieses letztere beruht:
1. im Königl. Geheimen Staatsarchiv zu Berlin und im
Königl. Staatsarchiv in Magdeburg.
2. in den Archiven der Städte Stendal, Gardelegen, See-
hausen und Tangermünde. (Das Ratsarchiv zu Salzwedel ist
in den 1890 er Jahren zum größten Teile durch Brand zerstört
worden, nur einige Urkunden aus dem Mittelalter haben sich
erhalten; die Archive Osterburgs und Werbens enthalten nach
Mitteilung der Magistrate nichts Einschlägiges; die von Tanger-
münde beigebrachten Nachrichten endlich beruhen nicht auf
Autopsie der Originalquellen, sondern auf den mir freundlichst
überlassenen Abschriften des jüngst verstorbenen Herrn Ober-
pfarrers Zahn in Tangermünde, die dieser angefertigt hat, noch
bevor das Archiv in den Zustand der Verwahrlosung geriet, in
dem es sich jetzt befindet.)
3. in den Küstereien und Pfarreien altmärkischer Städte
und Dörfer. Ich will auch an dieser Stelle nicht unterlassen,
meinen Vorschlag für Preußen zu wiederholen — für Sachsen
soll beim Neubau des Königl. Hauptstaatsarchivs in Dresden dem
schon Rechnung getragen werden — , die Kirchenbücher, deren
Wichtigkeit für sozialstatistische Untersuchungen seit Johann
Peter Süßmilchs ,, göttlicher Ordnung in den Veränderungen
des menschlichen Geschlechts" feststeht, und von denen nur
wenige in die Zeit ihrer Einführung, das 16. Jahrhundert,
zurückreichen, in die Provinzialarchive zusammenzuziehen, um
sie vor einem weiteren Rückgange in ihrem Bestände zu be-
wahren. Ermittelungen, wie die hier gepflogenen, würden sich
dann auf größere Gebiete ausdehnen und auch bequemer an-
stellen lassen. Was die Benutzung der Bücher betrifft, so ist
yrn Vorwort.
sie mir sehr erleichtert worden, nicht allein durch stets bereit-
willige Auskunft und Hilfeleistung, sondern oft auch durch
liebenswürdigste Gastfreundschaft der Herren Pastoren. Ihnen
allen sei herzlich gedankt, ebenso Herrn Geheimen Archivrat
Dr. Bai Heu und Herrn Dr. Salz er in Berlin, Herrn Archiv-
direktor Dr. Winter und Herrn Dr. Bier in Magdeburg, so-
wie den Verwaltern der genannten städtischen Archive.
Alles vorhandene Quellenmaterial war freilich nicht gleich-
mäßig benutzbar. Im Magdeburger Staatsarchiv liegen noch
über 100 Bündel ungeordneter altmärkischer Akten, die später
im einzelnen wahrscheinlich noch manchen interessanten Auf-
schluß geben werden. Eine Dünnschichtigkeit der Unterlagen
wird sich in der Arbeit am deutlichsten bei den Verhältnissen
des platten Landes, soweit sie den Adel und seine Untertanen
betreffen, erkennen lassen. Doch liegt dies weder am Mangel an
entsprechenden Quellen noch an einem Versäumnis des Verfassers.
Dieser hatte die Absicht, das v. d. Schulenburgische Archiv in
Beetzendorf für diese Fragen zu benutzen, im August 1909 auch
schon die Erlaubnis zur Verwendung einer Anzahl Aktenstücke er-
halten, die ihm im Winter desselben Jahres nach Leipzig über-
sandt wurden, als ihm bei einer Anfrage, ob er das Material
des Archivs auf Zeugnisse über die Erweiterung des adeligen
Gutsbetriebes durch ,, Bauernlegen" prüfen dürfe, nach langem
Harren endlich mitgeteilt wurde, daß ihm die Benutzung ferner-
hin nicht mehr verstattet werden könne; zwar traue man ihm
wissenschaftliche Objektivität zu, doch fürchte man, daß die
Arbeit von unberufener Seite gegen den Adel ausgenützt würde.
Diese Entscheidung, die natürlich auch die bisherigen Exzerpte
entwertete, traf aber zu einer Zeit ein, in der es im Interesse
des endlichen Abschlusses der Arbeit nicht mehr möglich war,
etwa die Materialien eines anderen adeligen Archivs heran-
zuziehen.
Schließlich bleibt mir noch die gern erfüllte Pflicht, meinen
verehrten Lehrern, Herrn Geheimrat Professor Dr. Lamprecht
und Herrn Professor Dr. Hoeniger für das Interesse und den
Rat zu danken, mit denen sie meine Erstlingsarbeit stets be-
gleitet haben; ebenso Herrn Dr. Armin Tille, der sie nicht
nur in seine „Geschichtlichen Studien" aufnahm, sondern auch
in liebenswürdigster Weise die Korrekturbogen mitlas.
Leipzig, April 191L
Fritz Kaphahn.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort vn — vm
Einleitung:: Geschichte der Erforschung der wirt-
schaftlichen Folgen des 30jährigen Krieges 1—4
1. Kapitel: Die wirtschaftlichen Verhältnisse in der
Altmark vor dem 30jährigen Kriege:
die Städte: Verfall ihrer wirtschaftlichen Blüte seit
Mitte des 15. Jahrhunderts: Verlust des Übersee-
handels; mannigfache Konkurrenz im Binnenhandel
und Gewerbe. Anlage des ererbten Reichtums. —
Die Schicksale der altmärkisch - priegnitzischen
Städtekasse, der städtischen Kämmereien bis zum
Beginn des Krieges; Bedeutung der Kipper- und
Wipperzeit; Natur der bei den öffentlichen Kassen
angelegten Kapitalien 5 — 19
der Adel: Schicksale der altmärkisch-priegnitzischen
Landschaftskasse bis zum Kriegsbeginn. — Die wirt-
schaftliche Entwicklung des Adels seit dem 15. Jahr-
hundert: Vergrößerung seines Grundbesitzes; Ent-
stehung der Eittergutswirtschaft; Export ihrer
Erzeugnisse ins Ausland; adelige Kaufmannschaft;
Wirkung des „neuen Kornzolls". Eeichtum und
Verschuldung des Adels vor dem Kriege . . . 19—25
die Bauern: Folgen der Entstehung der adeligen
Gutswirtschaft für die bäuerliche Bevölkerung:
Dienststeigerung; Schollengebundenheit; bäuerliche
Verschuldung. Verschiedenartige Vermögens Verhält-
nisse unter den Bauern. — Das ländliche Gesindel 26—30
2. Kapitel: Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges
für die Städte.
Die kriegerischen Ereignisse in der Altmark. — Bevöl-
kerungsrückgang: Quellen, Ermittelung, Resultat;
Ursachen. — Immobiliarschaden : an Häusern,
Gärten, Wiesen, Äckern. — Wirtschaftliche Ver-
hältnisse der Bevölkerung nach dem Kriege: Schei-
z Inhaltsverzeichnis.
Seite
dung zwischen 1. Mobilienverhist durch Kontribution
und Plünderung und 2. den Folgen des Zusammen-
bruchs der Kreditwirtschaft, unter der die Städte
in den Krieg eintraten. Schicksal der altmärkisch-
priegnitzischen Stäiltekasse, d>T Kämmereien bis
1690, resp. 1750; Bedeutung für die Gläubiger;
weitere Folgen für die Bevölkerung; Moratorien. —
Kritik der bisherigen Methode der Ermittelung des
Mobiliarschadens; direkte Feststellung des vorhan-
denen Geldes nach dem Kriege. Grad der Ver-
armung: die Eatsaristokratie; die Bevölkerung
Stendals von 1643; die Leistungen der altmärki-
schen Städte an den Kurfürsten in den 40er
Jahren. — Handel und Wandel in den ersten
Jahren nach dem Kriege 31 — 68
3. Kapitel: Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges
für das platte Land.
Bevölkerungsrückgang: Abgrenzung des Untersuchungs-
gebietes; kein Anteil des Krieges an der Entstehung
der Wüstungen ; Eückgang letzten Endes nicht exakt
zu ermitteln, sondern nur vorsichtig abzuschätzen:
im mittleren, westlichen, östlichen Teüe der Alt-
mark. Gesamtresultat. Ursachen der Bevölkerungs-
abnahme. — Wirtschaftliche Verhältnisse der Eest-
bevölkerung: 1. der Bauer: Viehstand, Äcker,
Haus; Verschuldung; Folgen der reduzierten Ein-
wohnerzahl für die Dienstleistungen. Grad der Ver-
armung. Das Amt Neuendorf. — 2. der Adel:
sein Schicksal als Gläubiger der altmärkisch-prieg-
nitzischen Städtekasse, als Schuldner von Standes-
genossen und Bürgern; Leiden unter den un-
mittelbaren Wirkungen des Krieges. — Das Amt
Diesdorf. Wirtschaftliche Tätigkeit des Adels nach
dem Kriege 69—98
Schlußbemerkungen: Die Hauptergebnisse der Unter-
suchung 99—101
Verzeichnis der benutzten Quellenpublikationen, der verwandten
Literatur und der Abkürzungen 102 — 105
Bei wörtlichen Zitierungen wurde der Text selbstverständlich getreu,
jedoch in moderner Orthographie wiedergegeben.
Einleitiing.
Wenn man sich die Entwicklung vergegenwärtigt, die
die Erforschung der wirtschaftlichen Folgen des 30 jährigen
Krieges für Deutschland im letzten halben Jahrhundert ge-
nommen hat, so findet man, daß niemals darüber Zweifel
bestanden haben, daß die Mitte des 17. Jahrhunderts eine
außerordentlich trübe Zeit für unser Vaterland gewesen ist;
worüber sich allein das Urteil gewandelt hat, das sind die
Ursachen und der Grad des ökonomischen Tiefstandes.
Eine ältere Auffassung hatte von diesem letzteren die
Vorstellung, daß „die wirtschaftlichen Zustände Deutsch-
lands nach dem Kriege uns an eine Wüstenei erinnern, in
welcher das Auge kaum einen glücklichen Ruhepunkt, kaum
eine Oase zu entdecken vermag" ^), daß man, „wo man seine
Schritte hinlenkte, nur Ruinen und Verwesung, . . . zerfallene
Dörfer, öde Städte, eine verzweiflungsvolle, von der Kriegs-
furie ausgemergelte Generation erblickte, die ihr Elend in
Lüsten zu begraben strebte" '-), kurz, daß „die Zustände, die
nach dem Kriege eintraten, außer allem Vergleich mit an-
deren Niederlagen kultivierter Völker waren" ^). Herbei-
geführt aber schienen diese traurigen Verhältnisse allein
durch die 30 langen Kriegsjahre; denn das Deutschland vor
dem 30 jährigen Kriege war noch ein blühendes Land. Zwar
gab man zu, daß seine höchste Blüte, die Zeit einer macht-
vollen wirtschaftlichen Expansion und eines gewinnbringenden
1) V. Inama Sternegg (1864), S. 4.
2) Hanser (1862), S. 226.
3) Frey tag (1867), S. 229 (zitiert nach 8. Aufl. 1875).
Geschichtliche Studien, lt. 1. -i
2 Geschichtliche Studien. II. 1.
Fernhandels zu einem guten Teil vorüber gewesen sei, aber
noch habe sich Handel und Handwerk in starkem Gedeihen
befimden, und in dem weiten Reiche hätte die Industrie
geblüht 1).
Diese Ansicht stellte sich aber um so mehr als irrig
heraus, je tiefer man in die europäische Wirtschaftsgeschichte
des 16. Jahrhunderts eindrang. Man erkannte, daß die
deutschen Städte in dieser Zeit mehr als den Fernhandel
verloren, daß die Fremden das vergalten, was die Deutschen
jahrhundertelang geübt, indem sie nun ihrerseits nach Deutsch-
land eindrangen, dem deutschen Kaufmann den Binnenhandel
zu entreißen suchten und durch die Einfuhr fremder Erzeug-
nisse der deutschen Industrie den Absatz erschwerten -), und
daß eine überspannte Kreditwirtschaft Fürsten und Städte,
Bürger und Bauern längst vor dem Kriege in tiefe Ver-
schuldung und manchen Gläubiger um sein Geld brachte'^):
kurz, daß dem Kriege eine jahrzehntelange wirtschaftliche
Depression voranging und dieser „dem allgemeinen Ruin nur
den letzten Ausdruck gab"^).
Und ward man auf der einen Seite inne, daß der öko-
nomische Verfall Deutschlands im 17. Jahrhundert zu einem
großen Teile bedingt war durch die Entwicklung, die das
Land im 16. genommen hatte, so machten sich auf der an-
deren Bedenken gegen die Vorstellung eines allzu tiefen
Ruins des Reiches nach dem Kriege geltend. Es wurde
gezeigt ^), daß in den Chroniken, Autobiographien, ja selbst
in den Aktenstücken, von denen die bisherige Forschung
angenommen hatte, daß sie ein getreues Bild der Verhält-
1) Ebenda, S. 195.
2) Schmoll er (1879), S. 152.
3) Eitter (1895), S. 464 f. — Die oberdeutschen Kapitalisten haben
namentlich durch die Staatsbankerotte Frankreichs und Spaniens, deren
Fürsten sie hohe Summen geliehen hatten, seit der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts starke Verluste zu verzeichnen gehabt; vgl. Ehren berg
(1895), S. 41.
4) Lampreeht, VI (1904), S. 341.
5) Zuerst von Erdmannsdörffer (1892), S. lOlff.
IL 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30jähr. Krieges usw. 3
nisse nach dem Kriege abgäben, nicht nur bewußte Korrek-
turen nach der Seite des Schlimmen hin vorlagen, sei es
nun, daß es den Verfassern darauf ankam, die Unfähigkeit
zu weitereu Leistungen zu erweisen, oder sei es, daß sie sich
aus konfessionellem Haß zu Entstellungen hinreißen ließen,
sondern auch ein den Zeitgenossen unbewußtes Moment in
ihnen eine übertreibende Rolle spielt. Es ist dieser „Hang
zum Ungeheuerlichen in der Sprache", der „Superlativ des
Entsetzens", der in fast allen Schriftstücken dominiert, kein
Spezifikum allein des 17. Jahrhunderts, sondern ein Erbe
dieser Zeit noch vom Mittelalter her, eine Erscheinung, die
auf gleicher Linie steht mit den Fabeleien jener frühen Zeiten
über „die Größe von Heeren, die Menge gefallener Krieger,
die Ausdehnung von Seuchen und die verheerende Kraft
von Bränden" ^). Psychologisch betrachtet erweist sie sich
als ein grobes, noch undifferenziertes Auffassungsvermögen
von Massenerscheinungen, das der Erkenntnis des rechten
Maßes und der Unterschiedsgrade von Wirkungen außer-
ordentlicher Ereignisse noch ganz enträt, sondern deren
Folgen immer ins Äußerste steigert.
Nach diesen kritischen Äußerungen sind dann Spezial-
untersuchungen erschienen und haben die Zweifel gegenüber
der Ansicht eines völligen wirtschaftlichen Verfalls Deutsch-
lands nach dem 30 jährigen Kriege nur als zu begründet er-
wiesen -), so daß neuerdings versucht werden konnte unter
Betonung der Notwendigkeit weiterer Einzelforschungen für
ein abschließendes Urteil, aber durch Verarbeitung der bis-
herigen, doch schon bestimmte Thesen über „die Kriegs-
verwüstungen und ihr mögliches Ausmaß" aufzustellen 3), —
1) Lamprecht, II, S. 189. — Vgl. auch Köhler, S. 238.
2) Es sei vor allem auf die Ausführungen Wuttkes (1893), S. 61 fF.
über die relativ günstige wirtschaftliche Lage Sachsens nach dem 30jäh-
rigen Kriege hingewiesen.
3) Während Haendcke (1906), S. 159, 179 es noch beim "Warnen
vor Überschätzung der Wirkungen des Krieges bewenden läßt und im
Yorwort seines Werkes ablehnt, aus den beigebrachten Einzeltatsachen
ein Gesamturteil zu formen, stellt Hoeniger (1909) die bestimmte Be-
1*
4 Geschichtliche Studien. II. 1.
Die nachfolgenden Ausführungen wollen, ohne einer vor-
gefaßten Meinung zu folgen, lediglich die tatsächlichen Ver-
hältnisse in einem kleinen Gebiete ermitteln. Sie konnten
dabei aus dem bisherigen Gang der Forschung eine doppelte
Lehre ziehen : einmal, für die Ermittlung von Tatsachen nur
Quellen heranzuziehen, deren Wirklichkeitswiedergabe durch
die erwähnten Momente nicht beeinträchtigt ist, und, da diese
sich bis in die aktenmäßigen Berichte erstrecken, soviel als
möglich statistisches Material zu verwenden; zum andern
aber, die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Altmark vor
dem Kriege zum Gegenstand einer eingehenderen Darstellung
zu machen.
hauptung auf, daß die Zahl der durch den Krieg für immer vernichteten
Dörfer Deutschlands (S. 424), der Rückgang seines Viehbestandes (S. 426)
und sein Kapitalverlust (S. 433) bei weitem niedriger anzuschlagen sei,
als es bisher geschehen ist, und „ein wirklich erhebliches Minus der
Volkszahl von 1648 gegenüber der von 1618 nicht wahrscheinlich ist"
(S. 429).
Erstes Kapitel.
Die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Ältmark
vor dem 50jährigen Kriege.
Die altmärkischen Städte, voran Stendal und Salzwedel,
haben schon früh, seit der zweiten Hälfte des 12. Jahr-
hunderts, an dem wirtschaftlichen Aufschwung Norddeutsch-
lands, der sich später mit dem Namen der Hansa verknüpfte,
regen Anteil genommen. Von ihren Handelsbeziehungen
wissen wir, daß sie sich vornehmlich westwärts nach Flandern
hin erstreckten, und unter den Waren, die sie handelten,
standen Tuch, Leinwand, Getreide, Produkte der Viehzucht
und der Waldwirtschaft sowie Metalle in erster Reihe ^). Den
Wendepunkt der glänzenden Entfaltung bezeichnet aber die
zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts. Zwar haben wir aus
dem Jahre 1466 noch die Nachricht, daß „die Stendaler
Kaufleute in Genter Laken und Gütern mehr als die Kauf-
leute andrer Städte hantierten", und zwei Jahre später wird
ihnen von Lübeck mitgeteilt, daß Antwerpen nach einer von
der Hansa über die Stadt verhängten Sperre dem Handel
wieder geölFnet sei -); aber in dieser Zeit war es auch, daß
Holländer und Engländer zu den Hansen auf dem Gebiete
der Schiffahrt in erfolgreiche Konkurrenz traten und die Er-
zeugnisse der in junger Kraft sich entwickelnden englischen
Tuchindustrie in Antwerpen, wohin sich von Brügge und
Gent aus um die Mitte des 15. Jahrhunderts der Handels-
schwerpunkt in den Niederlanden verlegte, den hansischen
1) Götze, S. 48f. — Baechthold, S. 180, 182.
2) Götze, S. 418.
6 Geschichtliche Studien. II. 1.
den Rang streitig machten i). Hinzu kam, daß in der Mark
seit dem 15. Jahrhundert die landesherrliche Gewalt sich
den Städten gegenüber in steigendem Maße zur Geltung zu
bringen wußte; 1488 brach Kurfürst Johann Cicero die
Selbständigkeit der altmärkischen Städte gelegentlich eines
Aufstandes wegen Einführung einer Biersteuer und verbot
ihnen jedes Bündnis mit fremden Städten, was zu ihrem
schließhchen Austritt aus der Hansa im Jahre 1518 führte -).
Ferne Handelsbeziehungen aber, die diese für die altmärkischen
Städte ungünstige Entwicklung überdauerten, fielen der kon-
sequent egoistischen Handelspolitik zum Opfer, die Hamburg
seit der Mitte des 15. Jahrhunderts mit steigendem Erfolge
einschlug. Im Jahre 1458 forderte es zum ersten Male das
Stapelrecht für alles Getreide, das die Elbe herabgeschifft
wurde. Trotz der heftigsten Anfeindungen von Fürsten und
Städten des Binnenlandes wußte die Stadt den Getreidestapel
doch weiterhin mit Erfolg zu behaupten; ja 1482 fügte sie den
von Wein und Bier hinzu '■^), und ohne die Befreiung der mär-
kischen Städte vom Stapelzwang, die Joachim I. 1518 vom
Kaiser erwirkt hatte, zu respektieren, gewann sie bald darauf
das Stapelrecht für alle Waren ohne Ausnahme ^). Dies
bedeutete aber eine völlige Unterbindung des überseeischen
Verkehres der binnenländischen, und damit auch der alt-
märkischen Städte.
Aber auch in dem Handel bis zur Küste blieben die
altmärkischen Kaufleute nicht ungestört. Wir wollen an
dieser Stelle des zunehmenden Wolle- und Getreidehandels
des Adels seit dem 16. Jahrhundert nur als einer Tatsache
gedenken, die uns später noch ausführlicher beschäftigen
wird. Zu ihm gesellten sich die fremden ^) Kaufleute, die
1) Pirenne, S. 490, 498.
2) Götze, S. 235ff., 418.
3) Naude (1889), S. 39 f.
4) Schmoller (1884), S. 1033f.
5) Es soU an dieser Stelle ein für allemal bemerkt sein, daß die
Worte „fremd" und „ausländisch" in der Arbeit im territorialen Sinne,
also gleichbedeutend mit außerbrandenburgisch gebraucht sind.
II. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. SOjähr. Krieges usw. 7
1472 schon so zahlreich in der Mark waren, daß Kurfürst
Albrecht Alcibiades, als er zur Aufbesserung seiner Ein-
nahmen einen Zoll auf Fische, ^Yein, Honig, Schmalz, Talg
und Teer legen, die größeren märkischen Städte aber davon
befreien wollte, an den Abgaben der Fremden genug zu
haben glaubte ^). Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts hat
dann namentlich von Hamburg her ihre Zahl noch erheblich
zugenommen -). Sie entzogen nicht allein dem altmärkischen
Kaufmann seine Nahrung, sondern erschwerten auch der
Tuchindustrie, wie sie namenthch in Stendal imd Salzwedel
betrieben wurde, den Absatz, teils durch die Einfuhr fremder
Erzeugnisse, teils durch die Ausfuhr von Wolle, wodurch
deren Preise stiegen und eine Verteuerung der heimischen
Produkte eintrat. Und bei diesem Wolle-, aber auch Ge-
treide- und Viehaufkauf suchten sie die städtischen Märkte
zu umgehen, indem sie entweder Märker, „verdorbene Hand-
werker und Lediggänger", wie sie die Städte nennen, dazu
veranlaßten oder selbst außerhalb der Jahrmärkte auf das
Land zogen und dessen Produkte zum Export erstanden.
Und hier trafen sie sich mit den Hausierern, „unbesessenen
Gesellen", die den Bauern ihre Waren verhandelten und
dafür Korn, Wolle, Flachs, Hanf, Vieh und Geflügel ein-
tauschten und alles dies dem städtischen Markt entzogen '^).
Aber mit dieser Konkurrenz der Fremden nicht genug!
Zu den ausländischen Hausierern gesellten sich die einheimi-
schen; dazu braute der Adel zunehmend über seinen Bedarf hin-
aus Bier, legte in den Dörfern neue Krüge an, versorgte die
Bauern bei ihren Festen und Gelagen, bei ihren Hochzeiten
und Kindelbieren mit seinen Brauerzeugnissen und beschränkte
dadurch das Absatzgebiet für die Bierproduktion der Städte,
1) Priebatsch, S. 35.
2) Schmoller (1884), S. 1042.
3) Vgl. die Edikte von 1563 (C. C. M. V. II. 1. Kap. Sp. Iff.), 1572
(C. C. M. V, n. 1. Kap. Sp. 7ff), 1578 (C. C. M. V. H. 1. Kap. Sp. 9ff.),
1583 (C. C. M. V. IL 4. Kap. Sp. 209 ff.), 1607 (C. C. M. V. II. 1. Kap.
Sp. 11 ff.), 1611 (C. C. M. V. IL 4. Kap. Sp. 217 ff.) und 1615 (C C. M. V. II.
2. Kap. Sp. 77 ff.)
8 Geschichtliche Studien. II. 1.
die für sie in jener Zeit noch ein Hauptnahrungszweig war^).
Darüber beklagte sich Gardelegen, die bedeutendste Braustadt
der Altmark, ausdrücklich 1560-); und seit dem Beginn des
17. Jahrhunderts, von welcher Zeit an wir die Menge des jähr-
lich gebrauten Bieres hier kontrollieren können, sehen wir
diese beständig sinken. AVährend man ] 602 5888 Halbgebräu
24 seh und 1604 5476 Halbgebräu 18 seh erzeugte, sank die
jährliche Bierproduktion im zweiten Jahrzehnt des 17. Jahr-
hunderts auf durchschnittlich 4133 Halbgebräu das Jahr,
1621 bis 1623 sogar auf 3232, und — anscheinend unter
dem Drucke der seit 1624 stark erhöhten Bierziese — 1624
auf 1721, 1625 auf 1838 Halbgebräu ^j. Eine ähnliche Be-
obachtung läßt sich auch bei Stendal machen, und hier wie
auch in anderen Städten treffen wir ein letztes, die Existenz-
bedingungen anderer städtischer Gewerbezweige erschweren-
des Moment an: das zunehmende Handwerk auf dem Lande.
Am bezeichnendsten hierfür ist die Erweiterung des den
Stendaler Schneidern 1563 verliehenen Privilegs von 1580.
Während ursprünglich nur untersagt wurde, das Schneider-
handwerk in den Dörfern, die bis zwei Meilen von der Stadt
entfernt waren, ohne Wissen und Willen des städtischen
Handwerks zu betreiben, trat an Stelle des einfachen Ver-
botes in der Erweiterung die Fixierung einer hohen Strafe
bei Übertretungen ^).
Die Bürger, die diese ungünstige Entwicklung traf, wehrten
sich dagegen kaum anders, als daß sie den Kurfürsten immer
von neuem um den Erlaß von Edikten gegen die „der
Nahrung der Städte höchst schädlichen" Dinge ersuchten;
1) Verbote des adeligen Bierbrauens über den Eigenbedarf hinaus
erschienen seit Beginn des 16. Jahrhunderts: 1513 (C. C. M. VI. I.
Sp. 15 f.); ferner in den Landtagsrezessen von 1536 (C.C.M.VI.I.Sp.33ff.),
1538 (C. C. M. VI. I. öp. 43 ff.), 1550 (C. C. M. VI. I. Sp. 81 ff.) u. a. m.
2) B. G. St. Eep. 21. 58. Eingabe von 1560 Montags nach Estomihi.
3) Vgl. die Kämmereirechnungen auf dem Gardelegener Eathaus, die
mit 1602 anheben, in den ersten Jahren aber nur unregelmäßige An-
gaben über die Bierproduktion enthalten.
4) M. St. Eep. D. Amt Tangermünde (Nachtrag), Nr. 57.
n. 1. K aph ahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 9
die große Zahl und häufige Wiederholung solcher Bitten zeigt
aber deutlich genug, wie wenig sie auszurichten vermochten.
Die kühn vorwärtsdringende Tatkraft der Vorfahren war bei
den Enkeln geschwunden und an ihre Stelle ein kleinlicher
Neid getreten, der sie in der Gewerbepolitik dazu verführte,
die Arbeitskompetenzen verwandter Nahrungszweige immer
schärfer voneinander abzugrenzen, wodurch die Produkte bis
zu ihrer Fertigstellung dauernd mehr Hände passieren mußten :
Bestrebungen, die aber nicht geboren waren aus dem Ver-
langen nach organischer Vereinfachung des Herstellungs-
prozesses, sondern diesen sinnlos zerschnitten und kompli-
zierten ^). Ererbten Reichtum aber verbrauchte man oft
genug in Luxus und Wohlleben -), oder man begnügte sich,
das Geld zinsbar auszuleihen an einheimische oder fremde
Bürger, an Adelige, oder endlich auch an öffentliche Kassen.
Zu dieser lezteren Anlage bot sich im 16. Jahrhundert
in Brandenburg, wie auch in anderen deutschen Landen eine
besonders günstige Gelegenheit. Es war die Zeit der zu-
nehmenden Festigung der Territorialgewalten, da in ihnen
die Zentralverwaltung eine starke Erweiterung erfuhr und
das besoldete Beamtentum sich vermehrte; es war die Zeit,
da das aufkommende Söldnerwesen die Kriegsführung ver-
teuerte und man mit italienischen Baumeistern kostspielige
Festungen aufführte; es war endlich die Zeit, da die Fürsten
für ihren Hofhalt, der sich noch ganz in den Formen des
1) Schmoller (1888), S. 66. — Als Beispiel kann die zweite Er-
weiterung des genannten Privilegs der Stendaler Schneider gelten aus
dem Jahre 1598, in der es den Altflickern und Kürschnern verboten wird,
Pelz mit Gewand oder Barchent zu beziehen, was allein den Schneidern
vorbehalten bleiben soll.
2) Eine Vorstellung davon gibt eine kurfürstliche Verordnung von
1551 (C. C. M. V. I. 1. Kap. Sp. 25 ff.), die festsetzt, daß die Hoch-
zeiten nicht länger als drei Tage dauern, daß am ersten Tagemorgens
und am ganzen dritten nur die Verwandten und auswärtigen Gäste be-
köstigt, an den beiden Festtagen nicht mehr als 120 Personen außer den
Kindern geladen und zu jeder Mahlzeit nicht mehr als vier, am Braut-
tage fünf Gerichte außer Butter und Käse geboten werden dürfen. Und
dabei war dies eine einschränkende Bestimmung !
10 Geschichtliche Studien. n. 1.
mittelalterlichen Gefolgsluxus bewegte, große Summen be-
nötigten. Die TerritorialheiTscher aber, deren Einnahmen
mit den Ausgaben durchaus nicht mehr das Gleichgewicht
hielten, vermochten nur ganz ungenügend durch Einführung
neuer Abgaben ihre Kassen zu füllen, waren vielmehr genötigt,
Schulden zu machen ^).
Es kann nicht die Aufgabe dieser Arbeit sein, das
brandenburgische Finanzwesen, wie es sich im 16. Jahr-
hundert entwickelte, eingehend zur Darstellung zu bringen.
Worauf es hier allein ankommt, ist die Feststellung der
ökonomischen Wirkung, die es in der Altmark hervorbrachte.
Schon im 15. und beginnenden 16. Jahrhundert haben
brandenburgische Kurfürsten bei in- und ausländischen
Geldhabern "-) Kapitalien aufnehmen und ihre Stände um
deren Abtragung angehen müssen. Seit den Tagen
Joachims IL aber schwollen diese Summen gewaltig an;
1540 waren es eine Million Gulden, die Ritterschaft und
Städte übernehmen sollten. Sie wollten es tun, jedoch nur
unter der Bedingung, daß die Verwaltung des Schulden-
wesens in ihre Hände gelange, und — Joachim IL willigte
darein^). So wurde denn das „ständische Kreditwerk",
d. h. verschiedene Landschaftskassen unter adeliger und
Städtekassen unter städtischer Leitung errichtet, die sich
in die landesherrlichen Schulden anfangs in nicht festem
Verhältnis teilten, bis 1594 das vor 1540 übliche von -j^,
die diese, und ^^3, das jene übernahmen, wieder eingeführt
1) Vgl. im allgemeinen Lamprecht V, S. 534, 545; speziell für
Brandenburg: Schmoller (1898), S. 126, 131.
2) Über die Gläubiger des Kurfürsten sind wir, soweit ich sehe, noch
schlecht unterrichtet; daß aber beide Kategorien in Frage kommen, ver-
bürgen die beiden Tatsachen: daß einerseits der Landeshauptmann der
Uckermark, Hans v. Arnim, 1550 Pfandinhaber des vorher kurfürstlichen
Klosters Himmelpfort war (Isaacsohn [1879], S. 463 Anm. 2) und ander-
seits Joachim II. 1554 für ein großes Borggeschäft beim Hamburger
Rat Kredit fand (Schmoller [1884], S. 1039). — Vgl. auch S. 25,
Anm. 1.
3) Isaacsohn (1880), S. 11.
II. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. SOjäbr. Krieges usw. 11
wurde ^). Die Stände unterschrieben und besiegelten auch die
Landesschuldscheine, die zum Zwecke der Schuldentilgung
von ihnen ausgegeben und von den Vermögenden unter der
in- und ausländischen Bevölkerung erworben wurden -).
Der altmärkische Adel verwaltete dabei zusammen mit dem
priegnitzischen eine Kasse, ebenso die Städte.
Für die altmärkisch -priegnitzische Städtekasse, deren
Schicksal uns im weiteren beschäftigen soll, bildete die Ein-
nahme, von der die Zinsen für die von den Einwohnern über-
nommenen Obligationen aufzubringen waren, und deren Summe
von Jahr zu Jahr vermindert werden sollte, anfangs nur die
alte städtische Grund- und Vermögenssteuer, der „Vor- und
Pfundschoß "•'^). In einer festen Summe sollten ihn die
Städte jährlich an zwei Terminen, zu Ostern und zu Luciä
einbringen; da aber von den landesherrlichen Schulden, die
die Städtekasse übernahm, stets ein Teil an die städtischen
Kämmereien weitergegeben wurde, die ihn in gleicher Weise
durch Ausgabe von Obligationen zu decken suchten, und
die Zinsen, die sie dafür aufzubringen hatten, vom jährlich
der Hauptkasse zu liefernden Schoß abzogen, so erreichte
dieser nie die festgesetzte Höhe und nahm ab, je mehr
Schulden von den einzelnen städtischen Kassen übernommen
wurden*). Bei den hohen Summen aber, die der gemein-
same „Städtekasten" auf sich nehmen mußte ^), kam es bald
dahin, daß dessen Einnahmen nicht mehr ausreichten, die
fälligen Zinsen zu decken, geschweige denn Kapitalien ab-
zulegen. Da versuchte man, ihm neue Einnahmequellen zu
1) Ebenda, S. 15; Isaacsohn (1879), S. 455, 4(52.
2) Krug, S. 8.
3) V. Eauraer, S. 330.
4) Der nominelle Schoß der Städte an den Kasten betrug 1625
47 027 fl, die Abzüge aber 17 220 fl, so daß die Kasse in Wirklichkeit
über nicht mehr als 19 807 fl Schoßeinkünfte verfügte — von den Kück-
ständen einzelner Städte noch ganz abgesehen (Götze, S. 410).
5) Von 1540 bis 1565: 628 630 fl 16 gr 11 ^ 1 h; von 1565 bis
1599: 485422 fl 1 gr 10 <3. Vgl. B. G. St. Rep. 53. 27. Eingabe von 1622
8. d.; auch Götze, S. 404f.
12 Geschichtliche Studien. II. I.
verschaffen in Form von indirekten Steuern, führte 1560
das „ Zuschüttel ", eine Abgabe von 3 gr von jedem Halb-
gebräu Bieres ein, 1572 den „Scheffelgroschen", d. h. eine
solche von 1 gr von jedem in den Städten vermahlenen
Scheffel Korn, 1594 endlich eine Erhöhung des Biergeldes,
die „Zubuße", die 6 gr für das Halbgebräu betrug ^). Aber
diese neuen Einnahmen des Städtekastens waren viel zu
gering, als daß sie die Verhältnisse hätten bessern können.
Immer größere Kapitalien mußte er aufnehmen, um allein die
jährlichen Zinsen bezahlen zu können. 1595 belief sich die
verzinsbare Schuld der altmärkisch -priegnitzischen Städte-
kasse auf 1 005 600 fl und die Summe, die zur Zahlung der
Zinsen jährlich geborgt werden mußte, auf 12135 fl 3 gr
9 '^ 1 h -), und im beginnenden 17. Jahrhundert stieg sie
dauernd weiter an. Als dann die Zeit der Kipper und
Wipper kam und die alte harte Münze außerordentlich teuer
Avard, bemächtigte sich der ängstlichen Gläubiger eine große
Unruhe, und sie forderten ihre Kapitalien zurück ; die Zu-
versichtlicheren aber benutzten die Gelegenheit, ihr Geld
zu hohem Preise bei der Kasse, die es dringend brauchte,
anzulegen. Deren Schuldensumme wuchs unter diesen Um-
ständen in den Jahren 1619 bis 1622 noch rascher als bis-
her und betrug 1620: 1175 342 fl2 gr % 1622: 1271216 fl^),
1624 endlich: 1310154 fl = rund 25548 kg Feinsilber ^).
Diese verhängnisvolle Entwicklung bewog 1622 den Kur-
fürsten Georg Wilhelm, eine Kommission unter dem Vor-
sitz des Landesoberhauptmanns der Altmark, Thomas v. d.
1) V. Eaumer, S. 332, Götze, S. 408.
2) B. G. St. Eep. 53. 25.
3) Vgl. die Rechnung der Städtekasse von 1620 im Stendaler Stadt-
archiv. Spätere Rechnungen aus der Zeit vor dem Kriege und während
desselben , die G ö t z e noch zur Verfügung standen , habe ich nicht auf-
finden können.
4) B. G. St. Eep. 53. 26a. — Götze, S. 408.
5) B. G. St. Eep. 53. 25. — 1 thlr == 1^ fl enthält bei den branden-
burgischen Münzen des 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts 25,987 gr
Feinsilber. Vgl. Bahrfeldt , S. 531 f.
II. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30jähr. Krieges usw. 13
Knesebeck, und des Kanzlers Pruckmann einzusetzen, die
das Schuldenwesen der altmärkisch-priegnitzischen Städte
untersuchen und auf seine Besserung sinnen sollten. Von
1622 bis 1624 war sie tätig und auf ihren Rat hin wurden an
neuen Steuern, die dem Städtekasten zufliefsen sollten, ver-
ordnet: die Abgabe von 4 statt bisher 2 gr von jedem
Scheffel vermahlenen Weizens, die von 2 thlr von jeder
Branntweinblase, die „neue Zubuße" (eine abermals erhöhte
Biersteuer), endhch eine Viehsteuer ^). Doch der Erfolg
war ebenso negativ, wie der aller früheren Einnahme-
steigerungen; es kam zu keiner Sanierung. Dazu hätte es
viel bedeutenderer Zuflüsse bedurft! Die Untersuchung
der Schuldenverhältnisse der altmärkisch - priegnitzischen
Städtekasse führte allein dazu, daß die Leute, die ihr Geld
bisher in der Kasse angelegt hatten, mißtrauisch wurden,
daß sie den Kredit verlor und, als sie Ende 1623 200000 fl
aufgekündigter Kapitalien zahlen sollte, in Zahlungsunfähig-
keit geriet -).
Und in keiner besseren Lage befanden sich um diese Zeit
die Kämmereien, die Finanzverwaltungen der altmärkischen
Städte. Schon vor 1540 sind sie durch Übernahme landes-
herrlicher Verpflichtungen in Schulden geraten; sie beliefen
sich bei Stendal auf 8300 fl, bei Salzwedel auf 21 106 fl 12 gr,
bei Gardelegen auf 12 371 fl 6 gr, bei Seehausen auf 777 fl,
1) Die Abgabe vom Scheffel Weizen ist schon 1602 um 1 gr erhöht
worden (Götze, S. 405). Wenn dieser aber S. 409 die „neue Zubuße"
auf 3i thlr angibt, so verwechselt er sie mit der ebenfalls 1624 erfolgten
Erhöhung des „neuen Biergeldes" von 3^ auf 7 thlr pro Gebräu, das
aber der „Neuen Biergeld-Kasse", einem dritten Kreditinstitut neben den
Städte- und Landschaftskassen, zufloß (Isaacsohn [1880], S. 28). Ob
freilich die „neue Zubuße" für den altmärkisch-priegnitzischen Städte-
kasten ebenfalls 12 gr wie in den brandenburgischen Landen rechts der
Elbe betrug (C. C. M. VI. I. Sp. 329 ff.), läßt sich bei der mangelnden Über-
lieferung mit Sicherheit nicht entscheiden.
2) Ebenda, Bericht von 1623 Dez. 22. — Vgl. auch Isaacsohn
(1880), S. 27. — 1623 nahm die Kasse noch 68294 fl Kapitalien neu
auf, 1625 dagegen nur 1000 fl, 1626: 2000 fl (Götze, S. 493).
14 Geschichtliche Studien. II. 1.
bei Tangermünde auf 4920 fl, bei Osterburg auf 1400 fl,
bei Werben endlich auf 1510 fl ^).
Seit den 40 er Jahren des 16. Jahrhunderts aber schwollen
diese Summen infolge der Übernahme eines Teiles der landes-
herrlichen Schulden beträchtlich an. Zwar haben manche
von den Städten sie nicht allein pünktlich verzinst, sondern
auch Kapital abgetragen, so daß die Zinsen, die die Städte
für ihre eigenen Schulden aufzubringen hatten, hinter den
jährlichen Abzügen vom Schosse an die Städtekasse zurück-
blieben. Stendal zahlte 1553: 2153 fl 11 sh 2 -^, 50 Jahre
später, 1603: 2393 fl 2 sh 4 A, wiederum 15 Jahre später,
1618: 2623 fl 22 sh 6 4 Zinsen, und in dieser Höhe hielt
sich die Summe hin bis zum Jahre 1625 mit 2643 fl 20 sh
7 A- Vom jährlichen Schoß aber zog Stendal um dieselbe
Zeit 3418 fl 14 sh 3 -^ ab -). In Gardelegen gar, dessen
Abzüge sich auf 1949 fl 15 sh 4 ^ beliefen, betrug die Zins-
summe 1602 nur 486 fl 19 sh 4 -^ und sie nahm in der
folgenden Zeit noch ab, um 1614 den niedrigsten Stand von
287 fl 14 sh zu erreichen. In einem weiteren Jahrzehnt aber
ist der Rat, namentlich durch den Erwerb einer Wasser-
mühle, genötigt worden, neue Kapitalien aufzunehmen, so
daß seine jährlichen Zinsverpflichtungen wieder anstiegen
und sich 1625 auf 1012 fl 5 sh 4 '^ stellten % Und auch
Tangermünde hatte zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des
17. Jahrhunderts eine kleinere Summe zu verzinsen, als die
betrug, welche es an kurfürstlichen Schulden übernommen hatte.
Im Jahre 1611 standen 898 fl 6 sh 2 -^ jährlich zu zahlender
Zinsen, 1677 fl 2 sh ordentlichen Abzügen gegenüber^). Seit
dem Jahre 1617 aber, in dem die Stadt durch einen großen
Brand heimgesucht wurde und die bürgerlichen Steuern eine
starke Abnahme erfuhren, mußte der Rat von neuem Schulden
1) Götze, S. 401.
2) Ebenda, und in den Kämmereirechnungen im Stendaler Stadt-
archiv.
3) "Vgl. die Kämmereirechnungen der Stadt aus den betreffenden
Jahren auf dem Gardelegener Eathaus.
4) 22. Jahresbericht, Heft 1, S. 14, 18.
U. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 15
machen, und dadurch kam es, daß er 1620: 1112fl 12 sh
3 4, 1621: 1239 fl 20 sh 2 ^, 1622: 1357 fl 14 sh 3 A,
1623: 1449 fl 14 sh 2 A, 1624: 1459 fl 14 sh 3 4 Zinsen
zu zahlen hatte ^). SchHmmer noch lagen die Verhältnisse
in Seehausen. Hier waren schon 1609 die Zinsen auf jähr-
lich 2402 fl 23 sh 8 -?? aufgelaufen, die zwar bis 1620 auf
2222 fl 13 sh 7 4 zurückgingen, die Abzüge von 1568 fl 10 sh
aber weit übertrafen -). Die absoluten Schuldensummen, die
diesen, in den auf uns gekommenen Kämmereirechnungen
allein angegebenen Zinsen entsprachen, beliefen sich gegen
Beginn des 30jährigen Krieges, da der Zinsfuß zwischen
5 und 6 \ schwankte , wir also durchschnittlich 5i % an-
nehmen können^):
bei Stendal auf etwa 48 078 fl
„ Tangermünde „ „ 26 538 „
„ Gardelegen „ „ 18 404 „
„ Seehausen „ „ 40 417 „
„ Osterburg „ 13 920 „^)
„ Werben „ 15 000 „ '")
„ Altsalz wedel „ 61 958 „ ^).
Sämtliche altmärkische Städte — mit Ausnahme Neusalz-
wedels — hatten infolge dessen eine Schuldenlast von etwa
225 000 fl = rund 4387i kg Feinsilber zu tragen.
1) Nach Abschriften der Kämmereirechnungen dieser Jahre durch
Herrn Oberpfarrer Zahn -Tangermünde (f).
2) Im Seehausener Stadtarchiv haben sich Kämmereirechnungen nur
aus diesen beiden Jahren vor dem Kriege gefunden.
3) Vgl. 22. Jahresbericht, Heft 1, S. 4—6.
4) Diese Summe gibt die Stadt in einer undatierten Eingabe an den
Kurfürsten an, deren Terminus post quem sieh jedoch auf 1596 bestimmen
läßt. B. G. St. Rep. 21. 110^.
5) Angabe in einer Eingabe von 1632 Mai 12. B. G. St, Rep. 21.
175 a. Daß es sich nicht um Schulden handeln kann, die im Kriege ge-
macht worden sind, wird sich später zeigen.
6) Diese Summe gibt die Stadt für das Jahr 1614 an. B. G. St.
Rep. 53. 26».' — Die jährlich zu zahlende Zinssumme von 3464 fi beweist
gleichzeitig, daß annähernd 5^ 7o ^^^h hier der durchschnittliche Zinsfuß
16 Geschichtliche Studien. 11. 1.
Für die drückende finanzielle Lage, in der sich die Städte
vor. dem Kriege befanden, spricht auch weiterhin der Um-
stand, daß manche selbst durch Aufnahme neuer Schulden
nicht imstande waren, den jährlich an die Städtekasse ab-
zuliefernden Schoß aufzubringen, so daß sie damit in Rück-
stand blieben. Die Retardaten der altmärkischen Städte
Salzwedel, Tangermünde, Werben und Seehausen betrugen
1622 zusammen mit denen der priegnitzischen Pritzwalk,
Kvritz, Havelberg und Lenzen 123 525 fl 13 gr 6 A Der
Kurfürst erließ ihnen diese unter der Bedingung, daß sie in den
kommenden Jahren nicht im Rückstand bleiben würden ^);
doch das Gegenteil trat ein, die Summe der Retardaten nahm
in der folgenden Zeit zu. Und dies aus begreiflichen Grün-
den; denn die erste Hälfte des Jahres 1622 bedeutet den Höhe-
punkt jener Erscheinung in der deutschen Münzgeschichte,
das man das Kipper- und Wippertum zu nennen pflegt und
das sich in einer außerordentlichen Verschlechterung des
Feingehaltes der Scheidemünzen und einer entsprechenden
Verteuerung der alten, guten Münze äußerte. Die Er-
scheinung war einerseits begründet durch das Ansteigen des
Marktpreises des Silbers infolge der Abnahme der deutschen
Edelmetallproduktion seit der zweiten Hälfte des 16. Jahr-
hunderts -), sodann aber in der durch ihre Finanznot verur-
sachten Münzpolitik der deutschen Fürsten, die ihre Ein-
nahmen zu vergrößern suchten, indem sie neue Münzstätten
errichteten, diese verpachteten, den Pächtern aber, um von
ihnen einen möglichst hohen Schlagsatz zu erlangen, zuHeßen,
daß sie den Feingehalt der Scheidemünzen zimehmend ver-
ringerten 3). So stieg der Zahlwert des alten Reichstalers
gegenüber seinem, seit dem kaiserlichen Münzedikt von 1559
festgelegten Nominalwert von 24 gr schon zu Ende des 16.
war. — Von Neusalzwedel habe ich leider keine Schuldenangaben
finden können.
1) B. G. St. Rep. 53. 26 a.
2) Eitter, S. 461.
3) Opel, S. 218ff.
IL 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 1 7
und zu Beginn des 17. Jahrhunderts langsam an. In der
Altmark zahlte man für ihn 1599: 24 gr 4 A, 1605: 26 gr,
1608: 28 gr Scheidemünze. Als die Bevölkerung aber sah,
wie die Münzpächter immer reicher wurden, geriet sie in
einen solchen Geldtaumel, daß fortwährend mehr Private
Geld prägten und der eine schlechteres als der andere. Der
Wert des Reichstalers stieg unter diesen Umständen rapid :
1616: auf 30 gr, 1619: auf 36 bis 40 gr, 1620 Januar: auf 2 fl,
1620 September: auf 2 fl 14 gr, 1621 Januar: auf 3 fl, Ende
Juni : auf 5 fl, 1622 Januar: gar auf 9 bis 10 fl Scheidemünze ^).
Trotz kurfürstlicher Dekrete gegen die Kipper- und Wipperei
war die Entwicklung anfangs nicht aufzuhalten gewesen;
erst als aus ihr ernstliche Handelsstörungen erwuchsen, als
Bauern und Adelige sich weigerten, für das minderwertige
Geld, das Bäcker und Fleischer von ihren Kunden erhielten,
ihnen Vieh und Getreide zu liefern -), erst als die erbitterten
Bürger die Häuser der Falschmünzer stürmten °), traten mit
Pfingsten 1622 wieder geordnetere Verhältnisse ein. Das
von der kurfürstlichen Regierung festgelegte Wertverhältnis
der alten, guten Münzen zu den leichten, neuen begann von
Gewerbe- und Handeltreibenden respektiert zu werden, und
das tägliche Wirtschaftsleben lenkte wieder in die gewohnten
Bahnen ein ^).
Welches war nun das Ergebnis dieser Münzwirren für
die öfientlichen Kassen? Indem sie von den Bürgern die
Abgaben in Form des minderwertigen Geldes erhielten, mit
dem sich ihre Gläubiger nicht abfinden ließen, mußten sie
1) Götze, S. 409.
2) Vgl. das kurfürstliche Edikt von 1622 März 3. (C. C. M. IV. I.
5. Kap. Sp. 1199 ff.)
3) So zogen z. B. in Salzwedel die Bürger vor die Wohnungen dreier
der Kipperei verdächtiger Personen, zerschlugen die Fenster, drangen in
die Behausungen ein, raubten, was an Korn, Hering, Stockfisch, Flachs,
Kleidern und Fleisch vorhanden war und zerstörten die Geräte. B. G. St.
Eep. 21. 156. Eingabe von 1622 Febr. 10. — In anderen Städten kam es
zu ähnlichen Ereignissen.
4) C. C. M. IV. I. 5. Kap. Sp. 1203 ff. Edikt vom Neujahrstag 1623.
Geschichtliche Studien. IT. 1. o
18 Geschichtliche Studien. II. 1.
zu teuerem Preise desto größere Anleihen machen, um nicht
allein die fälligen Zinsen zu berichtigen, sondern auch die
vielen aufgekündigten Kapitalien zurückzuzahlen. Wir sahen
schon, wie sowohl die Schulden der altmärkisch-priegnitzi-
schen Städtekasse, als auch die der städtischen Kämmereien
zu Beginn der 20er Jahre stark anstiegen. Oft konnten
diese letzteren die wachsenden Ausgaben auch durch Auf-
nahme neuer Kapitalien nicht decken und dadurch ent-
standen die erwähnten Retardaten der einzelnen Städte beim
Kasten. —
So war denn zur Zeit, da die Wogen des Krieges auch
die Altmark zu berühren begannen, ein bedeutendes Kapital
altmärkischer Bürger, Bürgerswitwen und -Waisen bei den
öfi'entlichen Kassen in zinsbaren, kündbaren und unkünd-
baren Darlehen angelegt. Beim Städtekasten hatten 1620:
Stendaler: 123 498t fl
Salz wedeler: 47 9661
Gardelegener : 411371
Tangermünder: 59066t
Seehausener: 17 866t
Osterburger : 1 4 000
Werbener: 1 333i
zusammen also: 304 8691 fl
stehen ^); und hierzu kamen ihre Posten bei den Kämmereien.
Leider kennen wir diese nur von Tangermünde im Jahre
1611, wo der Stadt, bei ca. 16 332 fl Gesamtschulden, alt-
märkische Bürger ca. 8300 fl geliehen hatten -). Wenn wir
für die übrigen Städte annehmen dürfen, daß auch sie mit
reichlich der Hälfte ihrer Schulden städtischen Gläubigern
verhaftet waren, so wird das Kapital, das diese gegen Kriegs-
beginn in Darlehen an die Städtekasse und die Kämmereien
investiert hatten, kaum weniger als 420 000 bis 430 000 fl
1) Vgl. die Eechnung der altmärkisch-priegnitzischen Städtekasse von
1620 im Stendaler Eatsarchiv.
2) 22. Jahresbericht, 1. Heft S. 14f.
II. 1. Kaphahn, Die Wirtschaft!. Folgen d. 30jähr. Krieges usw. 19
oder rund 8190 bis 8390 kg Feinsilber betragen
haben. Sehen wir diese Tatsache von seiten der Bürger
an, so sollte es scheinen, daß sie die Behauptung vom wirt-
schaftlichen Rückgang der Städte, wie er schon im 16. Jahr-
hundert eingetreten sei, widerlege, indem sie erkennen lasse,
daß der bürgerliche Reichtum zu Beginn des Krieges doch
ein ganz beträchtlicher war.
Zur Aufhellung dieses scheinbaren Widerspruchs müssen
wir über die Natur dieses Besitzes der Bürger zur Klarheit
kommen. Er bestand in Forderungsrechten an die öffent-
lichen Kassen für Kapitalien, die sie ihnen geliehen hatten —
aber ihnen entsprachen keine realisierbaren Werte, da sie
nicht wirtschaftlich produktiv angelegt, sondern lediglich zur
Tilgung landesherrlicher Schulden verwendet worden waren.
Somit standen diese Summen nur auf dem Papiere, und ihre
Zunahme war darum durchaus kein Anzeichen für einen ent-
sprechenden Zuwachs an realen Wirtschaftsgütern, an fest-
gegründetem Wohlstand im Lande; im Gegenteil, die Ent-
wicklung der öffentlichen Kassen im 16. und beginnenden
17. Jahrhundert hat ebenso wie der zvmehmende Fremden-
handel nicht zu einer Vermehrung, sondern, soweit es aus-
ländische Gläubiger zu befriedigen galt, vielmehr zu einer
Verminderung des flüssigen Kapitals in der Altmark bei-
getragen 1). Der täuschende Kreditbau aber mußte zusammen-
brechen in dem Moment, da die Quellen für die Bezahlung
der Zinsen und aufgekündigten Summen versiegten, d. h.,
als die Einnahmen aus den Steuern stark zurückgingen und
die Aufnahme neuer Schulden unmöglich wurde. Dies aber
bewirkte der Krieg. —
In einer ganz anderen Lage befand sich um dieselbe
Zeit die altmärkisch - priegnitzische Landschaftskasse. Aus
1) Es stellt zu vermuten, daß ähnlicher Natur auch ein Teil des
Besitzes der Augsburgischen Bürger war, der bis zum Kriegsbeginn hin
zunahm; jedenfalls bedarf die Untersuchung von Härtung einer er-
gänzenden Mitteilung über das Wesen der „leicht und an vielen Orten
zu verwundenden Unternehmungen der Eeichen" (S. 1288).
2*
20 Geschichtliche Studien. IL 1.
einer „notwendigen und gewissen Nachrichtigung, weicher-
maßen beider Landschaft Altmark und Priegnitz Schulden-
wesen stehen", vom Jahre 1599 erfahren wir, daß die Kasse
1572 bis 1599 553 6645 thlr Schulden übernommen und bis
1599 532 279 thlr wieder abgetragen hatte, so daß sie in
diesem Jahre eine Schuldenlast von nur 21 3855 thlr be-
schwerte ^). Über ihre weiteren Schicksale gibt uns dann
das „neue Schuldenbuch der altmärkisch - priegnitzischen
Ritterschaft" seit 1602 Auskunft -). Es ist hier nicht der
Ort, sämtliche Schulden aufzuzählen, die die Kasse in den
folgenden Jahren auf sich genommen hat; nur ein bedeut-
sames Moment ist hervorzuheben. 1614 ging Kurfürst Johann
Sigismund die altmärkisch-priegnitzische und mittelmärkische
Ritterschaft darum an, 210 000 thlr seiner dänischen Schulden
zu übernehmen, wofür er ihnen die vier altmärkischen Amter
Arendsee, Diesdorf, Neuendorf und Salzwedel verpfänden
wollte. Sie gingen darauf ein, und die altmärkisch-prieg-
nitzische Landschaftskasse brauchte ihren Kredit bei fremden
Geldleuten gar nicht stark in Anspruch zu nehmen, da sie
einen Metallvorrat angesammelt hatte, den sie nun produktiv
in den Amtern anzulegen hoifte. Aber auch die Gelder,
die sie zur kurfürstlichen Schuldentilgung borgte, hat sie
wie alle späteren bis 1623 rasch wieder abgezahlt, so daß sie
im Gegensatz zur Städtekasse zu Beginn der kriegerischen
Wirren völlig schuldenfrei war.
Diese Tatsache ist einmal darin begründet, daß die
Kasse stets mit einer geringeren, meist nur halb so großen
Summe kurfürstlicher Verpflichtungen wie der Städtekasten,
belastet wurde ^), zum andern aber, daß ihre Einnahmen
bessere waren. Sie bestanden zum größten Teil aus bäuer-
lichen Abgaben:
1. einer Vermögenssteuer auf Grund und Boden und
Vieh. Li der Altmark betrug sie um die Mitte des 1 6. Jahr-
1) B. G. St. Eep. 53. 14 i.
2) Ebenda.
3) Vgl. S. 10.
n. 1. K aphahn , Die wirtschaftl. Folgen d. 30jähr. Krieges usw. 21
himderts von je 48 fl Immobiliarwert 1 fl, von jedem Pferde
3i sh, von jedem Füllen 3 dr (Drillinge), von jedem Ochsen
2i sh, von jedem Rind und jeder Kuh 1 sh 3 dr, von jedem
Schaf oder Schwein und jedem Stock Bienen 3 dr ^).
2. dem Hufenschoß, den schon im 15. Jahrhundert die
Ritterschaft zur Abtragung kurfürstlicher Schulden auf eine
bestimmte Zeit als Steuer von den Bauern zu erheben be-
willigte, welches Recht sie auch noch zäh behauptete, als
er seit 1534 eine ständige Abgabe wurde und jährlich 8 gr
von jeder Hufe, jedem Kossät, Gärtner, Müller, Fischer,
Schmied und Schäfer betrug -).
Ein gleiches Schicksal hatte der dritte Bestandteil der
landschaftlichen Einnahmen :
3. der Giebelschoß, der seit 1550 eingeführt 1 fl für
jeden Hüfner und V2 fl für jeden Kossäten betrug, und der
anfangs auf 14 Jahre verwilligt, bald zu einer ständigen
Einnahme wurde ^).
Seit 1550 mußte auch der Adel, der im Bedevertrag
von 1283 völlige Steuerfreiheit errungen hatte, das Roß-
dienstgeld , d. h. jährlich 20 fl von jedem seiner Pferde
geben. Und er konnte sie leisten ! Denn ganz im Gegen-
satz zu den Städten bewegte er sich im 16. Jahrhundert
wirtschaftlich auf einer stark aufsteigenden Linie: es war
die Zeit, da in den brandenburgischen Landen die adelige
Gutswirtschaft immer größere Ausdehnung gewann.
Dm-ch das eindringende Söldnerwesen war der Adel im
14. und 15. Jahrhundert je länger je mehr seiner alten Be-
schäftigung, des Heeresdienstes, beraubt worden. Er mußte
sich eine neue suchen, und, indem er auf sein ländliches
Gut ging, wurde er Landwirt, Junker. Was er hier vor-
fand, waren freilich nur relativ kleine Gebiete, die ihm zu
1) V. Kaum er, S. 329.
2) Auf dem Landtag von 1472 (C. C. M. VI. I. Sp. 9fF.) wurde er
auf 4 Jahre, 1524 (C. C. M. VI. I. Sp. 15 ff.) auf 8, 1534 (C. C. M. IV. III.
1. Kap. Sp.lff.) wiederum auf 8 Jahre verwilligt; 1550 (C. C. M. VI. I.
Sp. 81 ff.) erscheint er aber schon als dauernde Abgabe.
3) C. C. M. VI. I. Sp. 87 ff.
22 Geschichtliche Studien. II. I.
eigen gehörten, und wollte er nicht der Verarmung verfallen,
so mußte er auf Erweiterung seines Besitzes denken. Mit
wirklichem Erfolge konnte er diese aber nur auf Kosten des
Bauernlandes betreiben ^), und so ließ er sich denn von
seinem Landesherrn das Recht verleihen, zur Vergrößerung
seiner Rittersitze einen Bauern auskaufen und einen in dieser
Beziehung unwillf ährlichen gegen Bezahlung seines Hofes
von diesem entfernen zu können. Im Landtagsrezeß von
1540 wurde von diesem Rechte schon als von einem „alten"
gesprochen -); in späterer Zeit erhielt es der Adel neu bestätigt,
so 1593 imd 1602 •^). Zu Beginn des 17. Jahrhunderts aber
wurde das „Bauernlegen" von einigen altmärkischen Junkern
so stark betrieben, daß die zu Seehausen versammelte ge-
samte Landschaft am 3. Juni 1606 dagegen Einspruch erhob*):
das Recht des Auskaufs sei nicht allein zur Erweiterung
ihrer Rittersitze, sondern auch zu der Witwen Leibgedingen
und zur Errichtung von Meiereien, Schäfereien und Vor-
werken benutzt worden. Dies sei aber unmöglich die Mei-
nung des Kurfürsten gewesen, als er es dem Adel verlieh,
vor allem nicht, daß von den eingezogenen Hufen keine
Steuern bezahlt würden; wer dies wünsche, solle sich bei
den Verordneten der Landschaft melden und mit einer Summe
Geldes für immer abfinden. 1615 nahm sich dann auch
der Kurfürst der Bauern an und verbot das fernere Bauern-
legen, ohne jedoch an den einmal eingetretenen Verhältnissen
etwas zu ändern ^).
So blieb dem Adel der erreichte Vorteil eines erweiterten
Wirtschaftbetriebes und einer weit über den eigenen Bedarf
hinausgehenden Produktion, so daß er an einen Export außer
Landes in größerem Umfange denken konnte. Daran hinderte
1) Naude (1901), S. 25. — Daneben nahm der Adel auch Land,
das bisher wüst gelegen oder als Wald und Weide genutzt worden war,
unter den Pflug.
2) C. C. M. VI. I. Sp. 59fF. — Vgl. auch Großmann, S. 15.
3) C. C. M. VI. I. Sp. 131 ff., 151 ff.
4) B. G. St. Rep. 53. U^.
5) C. C. M. VI. I. Sp. 2G3ff.
II. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr, Krieges usw. 23
ihn freilich anfangs das alte städtische Bann- und Meilen-
recht, d. h. das Gebot, daß alle Produkte des platten Landes
in einem bestimmten Umkreis von der Stadt auf deren
Markt gebracht werden sollten. Früh jedoch hat er sich
von diesem Zwange zu befreien gewußt. Schon 1527 wurde
ihm gestattet, die Eigenerzeugnisse und die Pachteinnahmen
von den untertänigen Bauern zollfrei außer Landes und
Fisch, Wein, Bier und Fleisch zu seiner Notdurft zollfrei
ins Land hereinzuführen, und dieses Recht hat er sich in den
30 er Jahren immer neu bestätigen lassen ^). Noch aber
mußte er, was das Getreide anbetrifft, sich dem kurfürst-
lichen Ausfuhrverbot fügen und zu einer Zeit, da der Absatz
nach auswärts besonders lohnend erschien, es auf den städti-
schen Markt mit seiner niedrigeren Preistaxe bringen. Doch
auch dieser Fessel wußte er sich zu entledigen. Auf dem
Landtage von 1540 setzte er die Bestimmung durch, daß
er auch zu Teuerungszeiten sein Getreide exportieren dürfe,
und nur bei allerhöchster Not im Lande und auf ausdrück-
lichen kurfürstlichen Befehl hin blieb es ihm untersagt. 1563
und 1583 ward diese Verordnung erneuert"-).
Trotzdem der gesamte märkische, und damit auch der
altmärkische Adel seit dem 5. Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts
das Recht eines fast völlig ungehinderten Exportes seiner
Erzeugnisse genoß, zu denen außer Getreide namentlich noch
Wolle, aber auch Vieh und Holz kam, so hatte er doch
damit nicht genug. Schon 1536 ertönten von den Städten
Klagen, daß er kaufe, um mit Gewinn wieder zu verkaufen,
und sie wiederholten sich trotz des strengsten, kurfürstlichen
Verbotes adeliger Kaufmannschaft ^).
1) C. C. M. YI. I. Sp. 17fF.: 1527; Neubestätigung 1534 (C. C. M.
VI. I. Sp. 25 ff.); 1535 (C. C. M. V. II. 2. Kap. Sp. 71 ff.); 1536 (C. C. M.
VI. I. Sp. 33fiF.); 1538 (C. C. M. VI. I. Sp. 43 ff.).
2) C. C. M. VI. I. Sp. 59ff.: 1540; Erneuerung 1563 (C. C. M. IV. I.
1. Kap. Sp. 3ff.); 1583 (C. C. M. V. II. 4. Kap. Sp. 209ff.).
3) Kurfürstliche Verbote adeliger Kaufmannschaft: 1536 (C. C. M.
VI. I. Sp. 33 ff.); 1549 (C. C. M. IV. IV. Sp. 11 ff.): 1572 (C. C. M. V. II.
1. Kap. Sp. 7 ff.); 1578 (C. C. M. V. II. 1. Kap. Sp. 9 ff.); 1583 (C. C. M.
V. IL 4. Kap. Sp. 209 ff.); 1607 (C. C. M. V. II. 1. Kap. Sp. 11 ff.).
24 Geschichtliche Studien. II. 1.
Durch den 1569 von Kurfürst Joachim IL eingeführten
neuen Kornzoll ^), der auch die Adeligen traf, ist der eigene
Export ihres Getreides zurückgegangen. Zwar gelang es der
märkischen Ritterschaft 1572 noch, ihn, soweit er als
Land- („Achsen"-) zoll erhoben wurde, durch eine Pauschal-
summe von jährlich 8000 thlr, zu der die Altmärker 2200 thlr
beitrugen, auf 5 Jahre abzulösen -); als aber der Kurfürst
Johann Georg sich 1578 auf die Erneuerung dieses Ab-
kommens nicht einließ, und den Adel zur Erlegung des
Zolles zwangt), hinderte er es nicht, daß die Ausfuhr des
Getreides und zunehmend auch die seiner übrigen Erzeug-
nisse in Hände fremder, namentlich Hamburger Kaufleute
glitt ^).
Die notwendige Folgeerscheinung dieses wirtschaftlichen
Aufschwungs des Adels im 16. Jahrhundert war, daß sein
Reichtum zunahm. Dies zeigt sich nicht allein daran, daß
die ersten Geschlechter der Altmark ihre Söhne auf weite
Reisen nach Itahen, Frankreich, England und Holland
schickten, wie wir sie von den v. d. Knesebecks ^) und den
V. Bismarcks *") aus dem beginnenden 17. Jahrhundert kennen,
sondern auch an den Posten, die die märkischen Adeligen
bei der altmärkisch-priegnitzischen Städtekasse stehen hatten.
Sie betrugen 1620: 407 079i thlr = 542 7721 fl = rund
10 584 kg Feinsilber"); 1622: 412 901t thlr = 550 535i fl
= rund 10 735 kg Feinsilber*); unter den vornehmsten
Gläubigern aber befanden sich 1620 Georg v. d. Schulen-
burg mit 57 800 thlr, Thomas v. d. Knesebeck mit 40 250 thlr,
1) C. C. M. lY. I. 1. Kap. Sp. 463 ff.
2) C. C. M. VI. L Sp. 115 ff.
3) C. C. M. IV. I. 1. Kap. Sp. 11 ff.
4) Xaude (1901), S. 42 f.
5) 18. Jahresbericht, S. 35, 47.
6) ilarcks, S. 6.
7) Nach der Rechnung des Städtekastens v. J. 1620 im Stendaler
Katsarchiv. Dabei waren die a 1 1 märkischen Adeligen nicht auszusondern,
da bei den einzelnen ihr Wohnsitz nicht angegeben ist.
8) Nach einem Bericht des Vorstehers des Städtekastens an den
Kurfürsten von 1622 Juni 10. B. G. St. Eep. 53. 26a.
II. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 25
Philipp V. Quitzow mit 34 000 thlr, Joachim Werner v. Alvens-
leben mit 28 525 thh-, endlich Barten von Bartenslebens
Erben mit 27 500 thlr ^). Da sie ihr Geld aber gerade bei
der Städtekasse anlegten, hinter der, wie wir sahen, keine
wirtschaftlich produktiven Güter standen, war auch ihr Reich-
tum auf tönerne Füße gebaut und ging zu einem großen
Teile unter bei dem Bankerott, der im Kriege über die Kasse
hereinbrach.
Neben diesen Forderungsrechten an die öffentlichen
Kassen besaßen vermögende Adelige auch solche an Standes-
genossen, die nicht nur durch Auskauf von Bauern, sondern
auch durch Erwerb von Ritterhufen und größeren Gütern
ihren Besitz zu vermehren suchten -), zu diesem Zwecke aber
bei Bürger und Adel Hypotheken aufnehmen mußten. Deut-
lich läßt dies schon ein kurfürstliches Verbot an den Adel
von 1573 erkennen, ohne landesherrlichen Konsens die Lehn-
güter nicht zu verkaufen, zu verwechseln, zu versetzen und zu
verpfänden ^). In der Zeit bis zum Kriege haben dann die
Kreditgeschäfte zwischen Adel und Adel, aber auch Adel
und Bürger sich fortgesetzt; bis zu welcher Überschuldung
sie aber führen konnten, meldet die Klage Hans Ciamors
V. Alvensleben 1606 über die übergroße Schuldenlast, mit der
sein Bruder Albrecht auf Rogätz beschwert sei ^).
1) Bei den Kämmereien scheinen die Adeligen wenig Geld angelegt
zu haben, in Tangermünde 1611 wenigstens nur ca. 1855 fl (vgl. S. 15,
Anm. 4); dagegen liehen sie dem Kurfürsten direkt bedeutende Summen,
durch die z. B. die v. Alvenslebea den langjährigen Pfandbesitz von
Schlössern und Landgütern erwarben (v. Mülverstedt, S. 560).
2) So gewann z. B. Joachim v. Alvensleben auf Erxleben 1578 neben
dem Zehnt 6 zehntfreie Hufen und 5 Höfe zu Groß Santersleben (im
Magdeburgischen) für 3000 thlr von Albrecht und George v. Sohenck zu
Boddensell (C. D. A. III. Nr. 621); die Brüder Levin, Hans und Joachim
Friedrich v. d. Schulenburg 1602 das Gut Tucheim (im Kreise Jerichow)
für 21000 thlr von Jobst v. Hopkorff (C. D. A. III. Nr. 787); Christoph
V. Alvensleben 1607 das Gut Pollwitz für 5 700 fl von Nicolaus Uhden,
Bürgern zu Gardelegen (C. D. A. HI. Nr. 835).
3) C. C. M. U.V. Sp. 13 f.
4) C. D. A. III. Nr. 826. — Für adelige Hypothekenaufnahmen vgl.
auch ebenda Nr. 661. (Albrecht v. Alvensleben auf Rogätz stellt 1583
*26 Geschichtliche Studien. II. 1.
Eine Frage aber ist bei der Schilderung der wachsenden
adehgen Gutswirtschaft noch unberührt geblieben: auf welche
AVeise sie sich den erhöhten Bedarf an Arbeitskräften be-
schaffte? Wir kommen damit zur Lage der Bauern, wie sie
sich neben der veränderten des Adels im Laufe des 16.
und beginnenden 17. Jahrhunderts gestaltete; denn dieser
hielt nur ein geringes Gesinde und ließ seine vergrößerten
Acker vielmehr durch die untertänigen Bauern bestellen.
Ob dies in der Kolonisationszeit auch schon von den ein-
gewanderten Deutschen geschah, läßt sich nicht bestimmt
angeben, fest steht aber, daß die „servitia equorum et curuum",
die ursprünglich die Verpflichtung der Bauern bedeutete, zu
Kriegszeiten einen Heerwagen zu stellen, im 14. Jahrhundert
in Ackerfronden oder entsprechende Geld- und Natural-
abgaben umgewandelt erscheinen ^). In einer Zeit , da der
adelige Grundbesitz noch von geringer Ausdehnung war,
mögen jene nicht drückend gewesen sein; als aber mit der
Erweiterung desselben der Adel die oft durch Bauernlegen
an Zahl reduzierten L'ntertanen zur Bestellung auch des
vergrößerten Ackers zwang, mußte der Bauer einen immer
beträchtlicheren Teil seiner Arbeitskraft in den Dienst des
Junkers stellen. Trefflich veranschaulicht diesen Prozeß eine
Beschwerde des Schulzen und der Gemeinde zu Fischbeck
a. E. über Valentin v. Bismarck, ihren Junker zu Schön-
hauseu, vom Jahre 1616 -). Da heißt es, daß 1560 der
Kurfürst Joachim II. in Schönhausen noch einen Besitz von
5 Hufen gehabt habe, auf dem er 4 Gespann Pferde ge-
halten, so daß die Schönhausener und Fischbecker Acker-
leute mit der Bestellung nichts zu tun, sondern ihm nur
einige größere Reisedienste zu leisten hatten. Im Jahre
1562 habe er aber Jost und Jürgen v. Bismarck seinen
Besitz absretreten und begehrt, daß die Schönhausener
Joachim Grunow eine Schuldverschreibung von 500 thlr aus): Nr. 726.
(Valentin v. Alvensleben auf Isenschnippe leiht 1591 Günzel v. Veitheim
auf Harbke 600 thlr) usw.
1) Vgl. Großmann, S. 9.
2) M. St. Eep. A. 23 c. Amt Tangermünde, Xr. 178.
n. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 27
und Fischbecker Ackerleute dazu 5 Hufen von ihrem
Acker hingäben und die 10 Bismarckischen bestellten, da-
gegen versichert, daß sie keine Reisen mehr tun sollten.
Sie seien darauf eingegangen; aber bei den 10 Hufen sei
es nicht geblieben, der Junker habe in den Dörfern wüste
und bebaute Hufen hinzu erworben, welche alle die Unter-
tanen bestellen müßten. Früher hätten sie auch beim
Bau der Eibteiche eine Tonne guten Biers erhalten, was
sie aber jetzt erhielten, wäre kein Bier mehr und sogar
das Gesinde weigere sich, es zu trinken. Nun verlange
der Junker gar noch, ihm einen AVispel Gerste von
fernher zu holen, ein jeglicher mit 4 Pferden, und auf zwei
Nächte Futter mitzunehmen; von langen Reisen seien sie
aber doch befreit. Als sie sich aus diesem Grunde ge-
weigert hätten, habe er ihrer drei gefänglich bestraft, den
andern aber eine Geldstrafe und jedem eine Speckseite ab-
genommen. Es zeugt für die Begründetheit dieser Beschwer-
den, die gleichzeitig interessanten Aufschluß über die Ent-
stehung und ersten Schicksale des v. Bismarckschen Be-
sitzes in Schönhausen geben, daß der Kurfürst daraufhin
den Junker ermahnte, von seinen unbilligen Forderungen
abzulassen.
Unter diesen Umständen begreift es sich, daß manche
Bauern Haus und Hof verließen und in den Städten oder
fremdem Lande sich eine neue Heimat suchten. Gegen
diese bäuerlichen Abzüge, deren jeder für die Junker den
Verlust einer stark benötigten Arbeitskraft bedeutete, hat
sich der Adel aber früh zu schützen gewußt. In dem Land-
tagsrezeß von 1518 wird schon als von einem alten Ver-
trage gesprochen, daß ein Bauer, der ursprünglich seine Hof-
stelle ganz nach Belieben aufgeben konnte , dies nur tun
dürfe, wenn er einen Gewährsmann stelle ^), auf dem Land-
tag von 1536 aber wurde der Abzug der Bauern überhaupt
von der Erlaubnis des Gutsherrn, dem er Dienste zu leisten
hatte, abhängig gemacht, den Städten ausdrücklich verboten,
1) C. D. Br. Cont. U. S. 224 ff.
28 Geschichtliche Studien. II. 1.
Bauern ohne adelige Abzugsbriefe bei sich aufzunehmen und
damit deren Schollengebundenheit erreicht ').
So wurden denn die Untertanen von ihren adeligen Guts-
herren oder den kurfürstlichen Amtsleuten, die es in der
Verwaltung des landesherrlichen Grundbesitzes ihnen gleich-
taten, gezwungen, auf ihrem Hofe zu bleiben — so lange
es diesen nicht beliebte, das Gut aufzukaufen und ihrem
Besitze einzuverleiben. Die natürliche Folge war, daß sie
mit ihrem Geld- und Naturalzins bei Junker und Amtmann
im Rückstand blieben, oder, um diese zu befriedigen, in der
Stadt borgten und so in Verschuldung gerieten. In der
westlichen Altmark war diese im beginnenden 17. Jahr-
hundert schon so stark, daß die Zeit erfüllt war von ELlagen
städtischer Gläubiger über ihre ländlichen Schuldner und
von bäuerlichen Konkursen -) ; die Retardaten der Unter-
tanen des Amtes Diesdorf an geborgtem und Pachtkorn be-
trugen Michaelis 1626 mehr als das doppelte der gesamten
jährlichen Kornzinsabgabe: 296 w 4 s 1 v gegenüber 114 w
1 s 2 v ^j.
Xach alledem könnte es scheinen, daß die wirtschaft-
liche Lage der gesamten bäuerlichen Bevölkerung der Alt-
mark vor dem Kriege drückend, wenn nicht verzweiflungs-
voll gewesen sei. Dem war jedoch nicht so. Man darf
nicht vergessen, daß es auch Bauern gab, die nicht mit
Diensten beschwert waren, sei es nun von allem Anfang
an, wie die Lehnschulzen und Lehnbauern — unter diesen
letzteren in der Altmark besonders die Freisassen in der
Wische ^) — , sei es , daß sie im Laufe der Zeit die
1) C. C. M. VI. I. Sp. 33 ff. — Zum Gesindezwangsdienst, der For-
derung des Adels, daß die Kinder seiner Untertanen, bevor sie in fremde
Dienste gingen, ihm drei Jahre um geringes Entgelt dienten, ist es in
der Zeit bis zum 30jährigen Kriege in der Altmark noch nicht gekommen
(vgl. Großmann, S. 36 Anm. 1).
2) Zahlreiche Belege ergäben dafür die Abschiede des v. d. Schulen-
burgischen Gerichts in Beetzendorf.
3) M. St. Kep. D. Amt Diesdorf, Nr. 363.
4) Großmann, S. 51f.
II. 1. K ap hall n, Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 29
Dienste abgelöst hatten, wie es 1585 der kurfürstliche
Amtmann zu Diesdorf berichtet: daß vor Zeiten die-
jenigen Schulzen und Bauern, die vermögend gewesen seien,
sich von den Diensten freigekauft hätten, und die anderen
nun diese allein tun müßten, wodurch ihnen eine große Be-
schwernis erwachsen wäre ^). Daraus erkennt man deutlich,
daß unter der bäuerlichen Bevölkerung verschiedenartige A-'er-
mögensverhältnisse herrschten, daß sich neben Armen und
Geplagten auch Wohlhabende fanden. Diesen, die ihre ganze
Arbeitskraft auf ihren Grundbesitz verwenden konnten, kam
auch in erster Linie die Befreiung der Bauern vom städti-
schen Bannrecht zugute, wie sie auf dem Landtag von 1536
erklärt wurde ^), der dann 1540 die weitere Bestimmung folgte,
daß der Bauer seine Erzeugnisse nicht bloß inner-, sondern
auch außerhalb des Territoriums nach jedem beliebigen Markt
„verführen" dürfe ^), ein Recht, das ihm 1572 und 1602
von neuem bestätigt wurde ^). Aus diesen Verhältnissen
heraus erklärt es sich, daß unter den Gläubigern der alt-
märkisch-priegnitzischen Städtekasse im Jahre 1620 auch
Bauersleute mit Einlagen bis zu 1000 Talern zu finden sind.
Ein Übelstand traf freilich sämtliche Bewohner des
platten Landes : das waren die Plagen durch streifendes Ge-
sindel, gegen das sich landesherrhche Verordnungen, wie
sie uns aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts er-
halten sind, immer von neuem wandten : gegen die „ fremden
1) M. St. Rep. D. Amt Diesdorf, Nr. 175, Bl. 36.
2) C. C. M. VI. I. Sp. 33 ff.
3) C. C. M. VI. I. Sp. 59 ff.
4) In beiden Landtagsrezessen , sowohl in dem von 1572 (C. C. M.
VI. I. Sp. 103 ff) als auch in dem von 1602 (C. C. M. VI. I. Sp. 151 ff.)
heißt es, daß die Bauern, wie auch der Adel sich einem ausdrücklichen landes-
herrlichen Gebot, ihre Produkte nur im Lande zu verkaufen, fügen müssen:
jedoch wolle der Kurfürst dafür sorgen, daß das Getreide nach Maßgabe
des Preises in den nächsten ausländischen Städten bezahlt werde. 1593
(C. C. M. VI. I. Sp. 131 ff.) wurde den Bauern der Verkauf ihres „Ge-
treidich und anderen, so sie zu verkaufen haben", wieder auf das branden-
burgische Territorium beschränkt, eine Bestimmung, die aber 1602 wieder
aufgehoben wurde.
30 Geschichtliche Studien. II. 1 .
Bettler und Landstreicher", die „ Landbeschädiger , Räuber
und Mordbrenner", die „gardenden Landsknechte, Placker,
losen Buben und herrenloses Gesindel", oder wie die strei-
fenden Scharen genannt sein mögen, die bei den Untertanen
bettelten und, wenn diese nichts geben wollten, ihnen das
Ihre abdrängten, die sich zusammenrotteten, Dörfer über-
fielen und sie ausplünderten ^). Mit dem zweiten Jahrzehnt
des 17. Jahrhunderts nahm ihr Treiben stark zu. In einem
Edikt von 1616 heißt es, daß „Mutwillen, Frevel und Ver-
gewaltigung", die das Gesindel an den Bauern verübte, noch
nie so stark gewesen seien wie jetzt, daß es sich zu 40 Mann
zusammenrotte, einbräche und alles „ durchmause, zerschlage
und verderbe" -). Zu Beginn der 20er Jahre waren es dann
namentlich die geworbenen Soldaten, die mit dem Gesindel
gingen und die Bauern plackten ^), Heimsuchungen, die noch
zunehmen mußten, als erst der Krieg auch die Altmark zu
berühren begann.
1) C. C. M. V. V. 1. Kap. Sp. Iff.: 1565; Sp. 3 ff.: 1567; Sp. 5 ff.:
1572; Sp. 9ff: 1573; Sp. llff.: 1574; Sp. 15fiF.: 1584; Sp. 17ff.: 1589;
Sp. 19ff.: 1590; Sp.21f.: 1595; Sp. 21ff.: 1596; Sp.27ff.: 1599; Sp. 31fF.:
1603. — C. C. M. VI. I. Sp. 187 ff.: 1606.
2) C. C. M. m. I. Sp. 5ff. — Vgl. auch die Edikte ähnlichen Inhalts
von 1612 (C. C. M. ni. I. Sp. Iff.) und 1615 (C. C. M. V. V. 1. Kap.
Sp. 35 ff.).
3) Vgl. die Edikte von 1620 (C. C. M. lU. I. Sp. 9 f.) und 1624 (C. C.
M. ni. I. Sp. 9 ff).
Zweites Kapitel.
Die wirtschaftlichen Folgen des 50jährigen Krieges
für die Städte der Ältmark.
Von einigen Truppendurchzügen in den ersten Jahren
des Krieges abgesehen, wurde die Altmark erst 1626 von
dessen Wogen berührt, in der Zeit, da nach den Niederlagen
der Protestanten in Böhmen und Westdeutschland sich der
niedersächsische Kreis unter der Führung König Christians IV.
von Dänemark aufraffte und mit dem Rest der protestan-
tischen Truppen den Kaiserlichen im Kampfe entgegentrat
Dänische und Mansfeldische Soldaten durchzogen in diesem
Jahre das Land. Als sich dann deren Schicksal an der
Dessauer Eibbrücke und bei Lutter am Barenberge (1626)
erfüllt hatte, folgte für die Altmark eine fast ununter-
brochene, vierjährige Einquartierung Tillyscher und Wallen-
steinscher Völker, die in den Sommermonaten des Jahres
1631 von den Schweden abgelöst wurden.
Nach dem Siege Gustav Adolfs bei Breitenfeld (1631)
wurde dann ja der Kriegsschauplatz für einige Jahre nach
Süddeutschland verlegt, und die Altmark blieb von Unruhen
verschont. Als aber mit der Nördlinger Schlacht (1634)
sich das Kriegsglück wieder auf Seite der Kaiserlichen wandte,
wurde auch die Altmark in der zweiten Hälfte der 30 er
Jahre von neuem Tummelplatz schwedischer, kaiserlicher
und sächsischer Völker. Es war die traurigste Zeit für das
Land. Mit dem Jahre 1640 zogen wieder bessere Zeiten
ein, und nach einem längeren Aufenthalt schwedischer Truppen
unter Torstenson (1642) und dem Durchzug kaiserlicher unter
32 Geschichtliche Studien. ü. 1.
Gallas (1644) blieb das Land von kriegerischen Ereignissen
verschont ^).
Wenn wir nun nach den wirtschafthchen Folgen fragen,
die durch den Krieg für die Altmark eintraten, richtet sich
unser Augenmerk zuerst auf die Abnahme der Bevölkerung,
der Wirtschaftssubjekte. Bis zu welchem Grade und aus
welchen Gründen ist diese eingetreten?
Für Ermittlung des Einwohnerrückgangs in den Städten
stehen uns — von den Angaben der Magistrate in den Ein-
gaben an den Kurfürsten abgesehen, deren summarischer und
unverhohlen übertreibender Charakter sie von vornherein
von einer Verwendung ausschließt — zwei Arten von Quellen
zur Verfügung:
1. die Schoßregister, das sind Verzeichnisse der in
den altmärkischen Städten vorhandenen Feuerstellen, die zum
Zwecke von Steuererhebungen angelegt worden sind. Das
letzte vor dem Kriege angelegte stammt aus dem Jahre 1567 -) ;
da es 1638, 1645 und 1653 revidiert wurde, würden sich
daraus Schlüsse auf den veränderten Bevölkerungszustand
machen lassen. Doch abgesehen davon, daß das halbe Jahr-
hundert, das zwischen der Aufnahme von 1567 und dem
Kriegsbeginn liegt, erfüllt ist von Beschwerden der Städte
über die Fehlerhaftigkeit des Registers , ein Umstand , der
mindestens zur Vorsicht in dessen Benutzung für die Ver-
hältnisse vor dem Kriege mahnt, ist eine ausgiebige Ver-
wendung auch darum ausgeschlossen, weil sich die Originale
der Revisionen nicht erhalten haben ^) und nur noch gelegent-
liche Angaben finden. Zu diesen werden wir aber nur
1) Über diese ist ausführlicher nachzulesen bei Götze, 429 ff. und
bei Zahn (1904), S. 4 ff.
2) Götze, S. 252.
3) Auch nicht im landständischen Archiv zu Berlin, wo sie Jastrow,
S. 198 vermutet. — Der Revisionen von 1638 und 1645 wird unter
anderem auch in einem Bericht Th. v. d. Knesebecks von 1648 Jan. 2.
Erwähnung getan (B. G. St. Eep. 53. 40). — In dem Verzeichnis der
Feuerstellen der kurmärkischen Städte aus den Jahren 1645 und 1653,
das Büsching, S. 505 — 9 mitteilt und für das Meinardus, S. CXLf.
die urkundlichen Belege beigebracht hat, fehlen die altmärkischen Städte.
IL 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. SOjähr. Krieges usw. 33
dann greifen, wenn uns die zweite Quellenart im Stiche
läßt; dies aber sind:
2. die Kirchenbücher, wie sie sich in den altmär-
kischen Städten mit Ausnahme Osterburgs und St. Nikolais
in Gardelegen aus der Zeit vor und nach dem Kriege er-
halten haben ^). Vor den Schoßregistern besitzen sie den
Vorzug, daß sie zu einem ganz anderen Zwecke angelegt
worden sind, als auf Fragen zu antworten, die wir an sie
stellen, und daß deshalb eine bewußte Korrektur der Wirklich-
keit durch die Zeitgenossen in dieser Hinsicht bei ihnen aus-
geschlossen erscheint. Gewiß ist zuzugeben, daß an ihrer Stelle
eine ungewollte treten konnte, indem Eintragungen vergessen
wurden, und in Kriegs- und Pestzeiten mag dies mitunter der
Fall gewesen sein. In Jahren aber, da normale Verhältnisse
herrschten — und wir werden sie für diese in erster Linie
verwenden — zeigt sich in der Führung der Register ein
hoher Grad von Zuverlässigkeit.
In diesen Kirchenbüchern sind uns nun die Zahlen der
jährlich getrauten, getauften und gestorbenen Menschen-
kinder einer Parochie übermittelt. Welche gestalten sich
zur Benutzung für unsere Zw^ecke, der Ermittlung der Be-
völkerungsabnahme, nun am günstigsten? Auszuschließen
sind von vornherein die Ziffern der jährHchen Trauungen,
da sie nicht alle zwischen zwei Menschen verschiedenen
Geschlechtes vollzogenen Verbindungen wiedergeben und die
Zahl der illegitimen Geburten in jener Zeit nicht unbeträcht-
lich war. Von den beiden anderen Zahlengruppen aber
verdient die der Täuflinge den Vorzug vor der der Ver-
storbenen; denn während diese durch die Seuchen außer-
ordentlichen Schwankungen unterworfen war, gibt jene in
ihrer gleichmäßigeren Entwicklung ein getreueres Bild von
dem wirklichen Zustande und der Bewegung innerhalb der
Bevölkerung -).
1) Vgl, Krieg, S. 16 fF. — Die Angaben über den Beginn der
Kirchenbuchüberlieferung erwiesen sich bei näherer Prüfung aber oft als
ungenau und wenig zuverlässig.
2) Vgl. Jastrow, S. 74.
Geschichtliche Studien. IT. 1. q
34
Geschichtliche Studien.
II. 1.
Damit haben wir uns die Hilfsmittel gesichert und können
nun an die Ermittlung des Bevölkerungsrückganges heran-
gehen. Die in den altmärkischen Städten erhaltenen Kirchen-
die Jahre vor und nach dem Kriege
101,6
bücher geben für
folgendes Bild:
Stendal
Taufen
1G21-25 277,2
1646—50 112,4
1651-55 103,0
1656-60 100,
1661—65 90,4
Tangermünde
Taufen
1621—25 136,8
1646—50 70,6
1651-55 76,8
1656-60 73,
1661-65 75,8
Tr.
5,0 1
),2 J
Salzwedel
Taufen Tr.
226,2 —
172,8 45,8
3,8 1
J,0J
74,9
Tr.
18,1
21,2
18,8
18,8
147,2 1 39,0
128,6r ' 40,2
116,8 37,2
Seehausen
Gardelegen (St. Marien)
Taufen
43,0
30,5
31,8
28
31,8
Tr.
,6/
30,2
Taufen
78,0
31,4
34,6
36,0
37,2
Tr.
6,4
9,8
9,6
9,4
Werben
Taufen
62,4
15,6
21,0
19
20,2
Tr.
.0 1
,0 j
20,0
Was sagt uns nun diese Tabelle? Aus der Vergleichung
der Taufzahlen von 1646 — 50 und 1651 — 55 ergibt sich, daß
Ende der 40 er Jahre noch ein starker Ausgleich unter der Be-
völkerung eintrat, indem die größeren Städte die Menschen,
die im Laufe des Krieges zugewandert waren, wieder ab-
gaben, während die kleineren an Einwohnern zunahmen. Die
dauernden Folgen des Krieges für die Bevölkerung der
einzelnen Städte lassen sich darum erst an den Verhält-
nissen erkennen, wie sie um 1650 anzutreffen sind.
Nun kann man weiterhin die Beobachtung machen, daß
die Tauf zahlen der zweiten Hälfte der 50 er Jahre durchgängig
an Höhe hinter denen der ersten Hälfte zurückstehen. Eine Er-
klärung hierfür wäre Auswanderung, der Rückgang in Stendal
und Salzwedel noch in den 60 er Jahren hat darin auch zweifel-
los seine Ursache ^). Für die allgemeine Abnahme der Tauf-
1) Für die Neustadt Salzwedel haben wir den urkundlichen Beleg.
In einer Entschuldigung der Stadt an den Kurfürsten v. J. 1660, daß sie
die verlangte Eevision der Feuerstellen nicht vorgenommen habe, gibt sie
als Grund an , daß sie unnütz sei, weil täglich noch Bürger austräten.
B. G. St. Eep. 21. 161.
n. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 35
zahlen in den 50er Jahren aber, die auf dem Lande, wie
sich noch zeigen wird, ein Seitenstück findet, kommt ein
anderes Moment in Frage. Wie wir später sehen werden,
sind während des Krieges viele Bürger aus den Städten aus-
gelaufen und haben erst nach Jahren wieder einen festen
Wohnsitz gefunden. Es versteht sich von selbst, daß bei
dem unsteten Zustande, in dem sich ein Teil der Bevölkerung
befand, es in dieser Zeit zu relativ wenigen Eheschließungen
kam und dementsprechend weniger Kinder geboren wurden.
Die aber, die seit Ende der 20 er Jahre das Licht der Welt
erblickten, kamen in den 50er Jahren in das heiratsfähige
Alter und, da sie relativ gering an Zahl waren, konnten sie
auch weniger Ehen eingehen; es wurden infolgedessen auch
weniger Kinder geboren. Daraus erklärt sich m. E., wenn
in allen Städten in den 50 er Jahren die GeburtszifFern
vorübergehend fallen; und die der Getrauten, die wir
bei der fragmentarischen Überlieferung anführen können,
bestätigen dies. W^o die Taufzahlen aber nicht sinken, wie
in Seehausen, da findet diese Ausnahme ihre Erklärung in
dem Umstände, dass sich hier allerlei Fremde: in Deutsch-
land zurückgebliebene Schweden, Handwerker aus Mansfeld
und Thüringen, ja aus Mitten walde in Oberbayern und aus
der Steiermark niederliessen ^). Will man darum den Bevöl-
kerungszustand in den Städten zu Ende des Krieges ermitteln,
so darf man nicht die Summe der Täuflinge um 1650, sondern
muss — Seehausen ausgeschlossen — den Durchschnitt aus
dem ganzen 6. Jahrzehnt als maßgebend betrachten, um
auf diese Weise der relativ dünneren Schicht der 10 bis
20 jährigen Rechnung zu tragen.
In Gardelegen ist nun, wie schon erwähnt, nur für
einen Teil dej Stadt das Kirchenbuch erhalten. Wollen
wir die Verhältnisse für den ganzen Ort ermitteln, so müßten
wir zu den Nachrichten über den Rückgang der Feuerstellen
greifen, die auf uns gekommen sind. Diese besagen, daß
die Stadt, in der man 1567 483 Feuerstellen zähhe, 1645
1) Daume, S. 27.
3*
36 Geschichtliche Studien. IL 1 .
nur 170 und 1650 „kaum 200" bewohnte Häuser gehabt
haben soll ^), müssen aber durch ihre Rundheit und Un-
bestimmtheit unser Mißtrauen erregen, das um so be-
rechtigter erscheint, wenn wir den Rückgang in Betracht
ziehen, der sich aus dem einen erhaltenen Kirchenbuch
von St. Marien ergibt. Nach den obigen Angaben verlor
die Stadt weit über die Hälfte der Bevölkerung, während
sich aus diesem eine Abnahme von nur 30% feststellen
läßt.
Nun wäre es zwar möglich, daß der Ort in seinen beiden
Teilen einen verschieden großen Bevölkerungsrückgang er-
fuhr; dafür haben wir aber absolut keinen Anhaltpunkt-
Nehmen wir darum Gleichmäßigkeit an — wenn anders wir
überhaupt zu einem Resultat gelangen wollen — , so erhalten
wir, da die Gemeinde von St. Marien ein reichliches Drittel,
die von St. Nikolai knapp zwei Drittel der Einwohnerschaft
umschloß, einen jährlichen Taufendurchschnitt von 122,0 vor
und 85,1 nach dem Kriege -).
Noch schlimmer steht es mit der Überlieferung bei Oster-
burg. Hier lassen uns die Kirchenbücher überhaupt im
Stich, und wir müssen uns vollständig an die Mitteilungen
über die veränderte Zahl bewohnter Feuerstellen halten, die
zum Glück einen zuverlässigeren Charakter tragen. Gegen
Ende des 16. Jahrhunderts versichert die Stadt, daß deren
1) Meinardus, S. CXLI.
2) Dies ergibt sich aus folgender Kechnung. Für die Altstadt Salz-
wedel sind uns 1615 503 bewohnte Feuerstellen verbürgt (B. G. St. Eep.
53. 22. Eingabe von 1624 März 19.). Die Taufenzahl in den Jahren
1613 — 17 stellt sich hier im Durchschnitt auf jährlich 127. Nehmen wir
an, daß Gardelegen, das sich über das Schoßregister von 1567 nie be-
schwert hat, die ungefähre Zahl von 483 bewohnten Feuerstellen bis
gegen Kriegsbeginn beibehielt, so ergibt sich unter der Voraussetzung,
daß die zu einer Hausstelle gehörigen Personen in Altsalzwedel und
Gardelegen um dieselbe Zeit an Zahl dieselben waren, folgende Gleichung:
503 : 483 = 127 : x, wobei x die Summe der jährlichen Täuflinge in Garde-
legen vor dem Kriege bedeutet. Da sie sich auf 122 stellt, so ist 43
ein reichliches Drittel dieser Summe. Die ungefähre Taufenzahl nach dem
Kriege ergibt dann aber die Proportion: 43:30 = 122:y; y = 85,1.
II. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw.
37
1567 ermittelte Summe von 300 noch zutreffe ^); 1643 waren
dagegen nur 22, 1662 99 Häuser bewohnt -). Die erstere
Angabe trifft eine Zeit, in der vor kurzem noch die ganze
Stadt 16 Wochen leergestanden hatte, die Bürger vor den
herannahenden Schweden in die benachbarten Dörfer, Städte
und weiter geflüchtet waren : also einen anormalen Zustand ■'').
Die zweite dagegen wird fast die Verhältnisse wiedergeben,
die eintraten, als die flüchtigen Bürger, soweit sie überhaupt
die Absicht hatten, in die Heimat zurückzukehren, sich
wieder eingefunden hatten. Dann würde man aber in Oster-
burg vor dem Kriege ca. 75,8 und nach dem Kriege ca. 25,0
jährlich Täuflinge haben zählen können ^).
Stellen wir nun, nachdem wir die Taufzahlen sämtlicher
altmärkischen Städte gewonnen haben, diese zusammen und
suchen wir mit Hilfe des Süßmilchschen Reduktionsfaktors
30, mit dem man die Zahl der Taufen multiplizieren muss,
um die ungefähre Einwohnerzahl zu erlangen^), diese vor
und nach dem Kriege zu bestimmen, so erhalten wir die
folgende Tabelle:
vor dem K
rieg
e
nach dem
Kriege
Kückgang
Taufen Einwohnerzahl
Taufen
Einwohnerzahl
inVo
Stendal 277,2
ca.
8300
101,6
ca.
3000
63,3
Salzwedel 226,2
6800
137,6
4100
39,2
Gardelegen 121,0
3700
85,1
2600
30,2
Tangermünde 136,8
4100
74,9
2 200
45,3
Seehauseu 78,0
2300
34,6
1050
55,6
Osterburg 75,8
2300
25,0
750
67,0
Werben 62,4
1900
20,0
600
69,9
zusammen: 978,4
ca.
29400
478,8
ca.
14300
51,6
1) In der S. 15 Anm. 4 zitierten, undatierten Eingabe.
2) Meinardus, S. CXLI.
3) Vgl. die Eingabe der Stadt an den Kurfürsten von 1644 Nov. 20.
B. G. St. Eep. 21. 110 »>.
4) Die Taufzahlen gewinnen wir durch die gleichen Überlegungen wie
bei Gardelegen ; die vor dem Kriege durch die Proportion : 503 ; 300 =
127 : x; die nach ihm durch diese : 503 : 99 = 127 : y.
5) Jastrow, S. 73 empfiehlt ihn für historische Arbeiten immer
noch als den brauchbarsten.
38 GesehichtUche Studien. IL 1.
Daraus ersieht man, dass die altmärkischen Städte in ihrer
Gesamtheit wenig mehr als die Hälfte ihrer früheren Ein-
wohnerzahl im Laufe des Krieges verloren haben. Unter
ihnen aber kann man beobachten, daß der Bevölkerungs-
verlust im Osten ein stärkerer war als im Westen. Welches
nun sind die Gründe dieser Erscheinung? Oder wenn wir
die Frage etwas allgemeiner stellen, welches ist das Schicksal
der verschwundenen städtischen Bevölkerung gewesen?
Man kann hierbei an verschiedene Ursachen des Rück-
ganges denken : zuerst wohl an Degen und Flinte. Doch
in keiner der unzähligen Klagen, die die Städte über das
Treiben der eingelagerten Soldateska an den Kurfürsten
sandten, wird eines ernstlichen Vergehens am Leben der
Bürger Erwähnung getan. Freilich diese lernten die Soldaten
des 30jährigen Krieges auch noch auf eine andere Weise
kennen: wenn sie eine Stadt erstürmten. Wir haben aber
kaum Nachrichten über die Opfer solcher Ereignisse. Die
einzige, einigermaßen zuverlässige, die Ritner mitteilt, daß
beim Überfall Tangermündes durch die Kaiserlichen 1637
„wohl 12 Personen" ums Leben gekommen seien ^), scheint
aber doch darauf hinzuweisen, daß die Zahl der getöteten
Einwohner aus diesen Anlässen nicht erheblich gewesen ist.
Daß aber Schuß und Stoß keine Hauptursache der Bevölke-
rungsreduktion waren, zeigt der außerordentliche Rückgang
Stendals und der Salzwedels und Gardelegens an, von
Städten, die während des Krieges nie erstürmt und geplündert
worden sind -).
Aber auch die W^irkung der Pesten, die man gewöhn-
lich neben Mord und WafFentod als Grund der verringerten
Einwohnerzahl anführt, wird oft falsch' eingeschätzt. Vor
allem muß der Vorstellung entgegengetreten werden, als
seien die Seuchen eine spezifische Erscheinung der Zeit des
30jährigen Krieges; vielmehr das ganze 16. Jahrhundert hin-
1) Kitner, S. 50.
2) Götze, S. 489. — Bekmann, V. Teil, I. Buch, 3. Kap. Sp. 29;
4. Kap. Sp. 58 ff.
II. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 39
durch haben sie die altmärkischen Städte heimgesucht:
Stendal in den Jahren 1516, 1526, 1538, 1548, 1583,
1591, 1598 und 1611 i); Salzwedel 1484, 1548, 1581,
1598, 1610 -); Gardelegen 1516, 1548, 1566, 1598, 1607 '5)
und die übrigen Städte in ähnlicher Weise, nur daß bei ihnen
die Überlieferungen nicht so weit zurückreichen ^).
In wenigen FäUen beginnen die Aufzeichnungen der
Kirchenbücher in so früher Zeit, daß sie uns einen Einblick
in die Wirkungen der Pesten des 16. und beginnenden
17. Jahrhunderts gewähren können. Sie traten, wie sich
aus der Zahl der Toten ergibt, in den verschiedenen Jahren
verschieden stark auf; doch eine Folgeerscheinung hatten sie
stets: in den Jahren unmittelbar nach der Seuche stiegen
die Zahlen der Trauungen erheblich, oft über das doppelte
normaler Zeiten an — die verwaisten Haushalte bedurften
schleunig neuer Vorsteher oder Vorsteherinnen! — ; dem-
zufolge wurden relativ mehr Kinder geboren, und die Be-
völkerung erreichte bei einer geringen Sterblichkeit in der
folgenden Zeit, vor allem aber auch durch Zuzug von aus-
wärts, namentlich vom Lande, bald wieder ihren früheren
Bestand, ja vergrößerte sich.
Das Gesagte läßt sich am besten an den Verhältnissen
in Salzwedel nachweisen. Hier wurden in den anderthalb
Menschenaltern vor dem Kriege (1582 — 1625) durchschnitt-
lich jährlich 177,8 Kinder getauft, während 205,8 Menschen
starben. Trotzdem nahm die Stadt in dieser Zeit dauernd
an Einwohnern zu, indem sich durchschnittlich 1586 bis
1595: 150, 1596 — 1605: 193, 1606 — 1615: 198, 1616
bis 1625: 221 Taufen zählen lassen. Als ein Beispiel
für die Eigenbewegung der städtischen Bevölkerung nach
1) Götze, S. 379. — Bekmann, V. I. 2. Kap. Sp. 251f.
2) Ebenda, 3. Kap. Sp. 73.
3) Ebenda, 4. Kap. Sp. 68.
4) Für Tangermünde gibt Ritner, S. 16: 1598,99 und 1611 als
Pestjahre an; für Seehausen Bekmann, V. I. 5. Kap. Sp. 45 f.: 1583,
1607; für Osterburg ders. V. I. 7. Kap. Sp. 43: 1426, 1548, 1583; für
Werben V. I. 8. Kap. Sp. 50 nur solche im Kriege.
40 Geschichtliche Studien. IL 1.
einer Pest kann die Gemeinde von St. Katharinen in
Salzwedel vor und nach der Seuche von 1581 dienen. Hier
zählt man:
r
Frauungen
Taufen
Tote
1576-
-1680
30,4
95,0
78,2
1581
10
65
790
1582
94
78
70
1583
51
100
57
1584
1585-
-1589
30
28,0
} 87,0
41
61,4
Diese letztere Erscheinung findet sich nun auch bei den
Pesten, von denen die Altmark während des Krieges 1626,
an manchen Orten bis 1628 hin, und dann wiederum 1636
und 1639 heimgesucht worden ist, nur mit dem Unter-
schiede, daß die städtische Bevölkerung 1 bis 2 Jahrzehnte
nach ihnen nicht wieder zur alten Höhe gelangt war. Woran
lag das? Man könnte an eine verstärkte Wirkung der
Pesten, eine bedeutendere Zahl von Menschen denken, die
durch sie im Laufe des Krieges hinweggeraiFt worden sind,
zumal da an manchen Orten mit der zweiten Pest zugleich
eine Hungersnot auftrat i). Wenden wir uns aber wiederum
nach Salzwedel-), so zeigt sich, daß hier die Seuchen
1) Für sie teilt uns Eitner, S. 59 auch einen Fall versuchter
Menschenfresserei aus Stendal mit. Selbst wenn es sich dabei um
eine wirklich stattgefundene Tat handelt — vgl. die kritischen Ausfüh-
rungen diesbezüglichen Nachrichten gegenüber von Hoeniger, S. 408 fif. —
so kann doch diese Art der Bevölkerungsverminderung für den Gesamt-
verlust der Altmark absolut nicht ins Gewicht fallen.
2) Allein für diese Stadt reichen die Tauf- und Toten register in
die Zeit vor dem Kriege zurück, so daß die Wirkungen der Pesten einiger-
maßen exakt — für die absolut genau übermittelten Zahlen der Gestor-
benen in den Pestjahren ist selbstverständlich nicht zu garantieren ! —
auch nur hier erkennen können. Die runden Zahlen, die Bekmann,
a. a. 0. für Gardelegen, Seehausen und Osterburg als Pestopfer vor dem
Kriege mitteilt, und die wahrscheinlich auf Schätzungen beruhen, können
f ;r unsere Zwecke nicht in Betracht kommen ; aber auch die (wie ge-
wonnenen ?) Ziffern nicht, die Götze, S. 565 als Summen der Toten in
den Pestjahren 1583, 1598 und 1607 für Stendal angibt weil die durch-
n. 1. Kaphahn, Die wirtscbaftl. Folgen d, 30 jähr. Krieges usw. 41
während des Krieges durchaus keinen größeren Prozentsatz
der Bevölkerung forderten als die vor dem Kriege.
1581/82 starben 790 Personen bei 95 Taufen in den vorangeg. Jahren ^)
1598 99 „ 788 „ „157 „ „ „
1610/n „ 1540 „ „207 „ „ „
1625/26 „ 1455 „ „228 „ „ „
1636 u. 39 „ 971 „ „ 134 „ „ „
Übertraf die Zahl der Toten in den Pestjahren die der
Täuflinge in den vorangegangenen vor dem Kriege 8^, 3,
7^ mal, so in seinem Verlaufe 6| und T^mal. Selbstver-
ständlich darf diese einzelne Beobachtung nicht ohne weiteres
verallgemeinert werden, umsoweniger da in Stendal den
Seuchen zur Kriegszeit ein größerer Prozentsatz der Be-
völkerung als in Salzwedel zum Opfer fiel, 1626: 9 mal,
1636: 11 mal so viele Menschen, als in den vorangehenden
Jahren durchschnittlich getauft wurden — wobei allerdings
zu berücksichtigen ist, daß beide Male Bauern und Adelige
in die Stadt geflüchtet waren und diese eine übernormale
Bevölkerung aufwies -). Da wir aber bei Stendal ebensowenig
wie bei einer anderen Stadt diese Wirkungen in Vergleich
zu denen vor dem Kriege setzen können, so müssen wir
diese Frage für die Orte außer Salzwedel überhaupt offen
lassen.
Aber selbst wenn bei einigen den Rückgang ihrer Ein-
wohnerzahl teilweise ein stärkeres Auftreten der Pest hervor-
gerufen hätte, so fände damit doch derjenige Salzwedels noch
durchaus keine Erklärung. Dieser muß andere Ursachen ge-
habt haben, und sie lassen sich unschwer finden : sie beruhen
nicht in einer verstärkten Wirkung der Seuchen, sondern in
schnittliche Taufenzahl, d. h. die Größe der Stadt in den vorangegangenen
nicht auf uns gekommen ist.
1) Allein in Neusalzwedel. In Altsalzwedel starb im September 1581
auch der Kirchenbuchführer und die Aufzeichnungen brechen um diese
Zeit ab.
2) Zu einer vorübergehenden Flucht der Landbewohner m die
Städte kam es zur Kriegszeit — wie wir noch sehen werden — zu wieder-
holten Malen.
4'2 Geschichtliche Studien. U. 1.
einer geringeren Erholungsfähigkeit der Städte
zur Kriegszeit von den Pestverlusten, die sich
nicht allein in einer Abnahme der Fruchtbarkeit des Volkes
äußerte, einer Tatsache, die in dem Rückgang der Taufzahlen
in den 50 er Jahren noch ihre späten Folgen zeigte, sondern
auch darin, daß der fi'üher bedeutende dauernde Zuzug
von auswärts ausblieb. Ja das Gegenteil trat jetzt ein, und
damit kommen wir zu dem weiteren Grund der Bevölkerungs-
abnahme der Städte : im Laufe des Krieges kam es zu einem
Abzug der Bürger in fremde Städte und Länder.
Salzwedel klagt dies in den ersten Jahren des Krieges be-
ständig dem Kurfürsten ^), aber auch für die anderen Städte
spielt dieser Umstand eine große Rolle. Stendal jammert
schon Mitte 1626, daß von den 1252 Häusern, die man
1567 in der Stadt zählte, 400 leer und öde stünden und
täglich mehr Einwohner um Erteilung ihres Abschiedes an-
hielten-); und Osterburg Anfang 1627, daß von den 300
Bürgern der Stadt 160 ausgelaufen seien ■^). Mögen die An-
gaben übertrieben erscheinen, die Tatsache einer bedeutenden
Ausvranderung bleibt bestehen. Für Tangermünde endlich
berichtet Ritner, daß 1626, beim Herannahen der Kaiser-
lichen, viele von der Bürgerschaft zu Wasser und zu Lande
flohen, und als Folge der dänischen und kaiserlichen Ein-
quartierung für die ganze Altmark, daß die Einwohner häufig
in andere Länder gegangen seien -).
Das „Austreten" der Bürger wiederholte sich Ende der
30er und zu Beginn der 40er Jahre, in denen Kaiserliche,
Schweden und der Kurfürst gemeinsam Kriegssteuern von
ihnen erhoben. Dieser schreibt in einer Resolution vom
8. März 1641 bezeichnenderweise an seine Räte, man solle
die altmärkischen Stände um Bezahlung ihrer Kontribution
anhalten, „jedoch mit Behutsamkeit, daß wir dabei nicht
1) B. G. St. Eep. 21. 156. In den Eingabea von 162f3 Dez. 28.,
1627 JuH 30, 1628 Febr. 18.
2) Götze, S. 439.
3) B. G. St. Eep. 21. 110 b. In einer Eingabe von 1627 Jan. 5.
4i Ritner, S. 35.
II. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen (1. SOjähr. Krieges usw. 43
mehr Schaden des Landes und Verlierung einiges Volks,
als Vorteil und Frommen empfinden mögen" ^). Freilich
nicht alle Flüchtlinge wandten sich in dieser Zeit in fremde
Länder, sondern mitunter nur in die nächsten Städte und
Dörfer, und kehrten in friedlicher Zeit wieder nach der
Heimat zurück, ima freilich mitunter bei Erneuerung des
Kriegswesens wieder auszutreten, so daß die altmärkischen
Städte 1642 klagten, daß die Torstensonsche Einquartierung
zur Folge habe, daß „jedermann, der sich in der Hoffnung
der Besserung, ja wohl gar des Friedens noch wieder zu
den Seinigen gefunden und anzubauen gemeinet, hinwiederum,
wo nicht Erleichterung erfolget, sich aufs Weglaufen setzet"-).
Wie wir sahen, war dann die zweite Hälfte der 40er Jahre
noch erfüllt von Veränderungen innerhalb der Stadtbevöl-
kerung.
Als Grund für diese Auswanderung der Bürger geben
alle Zeitgenossen die hohen Kriegslasten an, und zweifellos
hat dies für die endenden 30er und beginnenden 40er Jahre
seine Richtigkeit. In der zweiten Hälfte der 20er Jahre
waren sie aber nur ein letzter Anlaß, denn damals begannen
sie ja erst. Die eigentliche Ursache lag tiefer. Wir
erinnern uns, wie sich im 16. Jahrhundert die Bedin-
gungen für das wirtschaftliche Fortkommen in den Städten
verschlechterten. Mochte der einzelne in einer ruhig dahin-
fließenden Zeit, in der sich die Wirkung der veränderten
Wirtschaftslage nur allmählich fühlbar machte und die Hoff-
nung auf bessere Tage ihn vertrösten konnte, noch zögern,
die Heimat zu verlassen, so entschloß er sich dazu rasch in
einem Augenblicke, da ihm bei seinem kümmerlichen Aus-
kommen auch noch außerordentliche Leistungen zugemutet
wurden. Wohin sich die Märker aber wandten, meldet uns
eine späte Mitteilung Stendals vom Jahre 1641, in der es
heißt, daß die Tuchmacher nach Hamburg in Dienste ge-
gangen seien '^), und die Eingabe der Stände an Schwarzen-
1) Prot, und Eel. I, S. 178.
2) Ebenda, S. 443.
3) B. G. St. Eep. 53. 37. Eingabe von 1641 Okt. 31.
44 Geschichtliche Studien. II. 1.
berg vom Ende des Jahres 1640, in der sie klagen, daß die
Einwohner sich nach Polen, Sachsen, Holstein und die See-
städte gewandt hätten ^). Daraus erkennen wir, daß es im
Laufe des Krieges zu einer territorialen Umschich-
tung der Bevölkerung Deutschlands gekommen ist.
Nur für wenige dieser Städte, resp. Länder hegen exakte
Untersuchungen über die sozialökonomischen Folgen des
Krieges vor. Sollte sich aber für andere dasselbe heraus-
stellen, was für Sachsen als ebenso bestimmt wie für Ham-
burg gelten kann: daß ihre Bevölkerung im Laufe des
Krieges eine Vermehrung erfuhr -), so wäre dies die Be-
stätigung einer Vermutung, die erst neuerdings geäußert
worden ist: daß es bei einer Abnahme der Einwohner in
dem einen Lande zu einer Zunahme im anderen kam, daß
jene und diese sich oft kompensierten •^).
Wenn wir nun aber zu unserem Ausgangspunkt, der
Frage nach dem Grunde des Bevölkerungsrückganges und
seiner Verschiedenheiten in den altmärkischen Städten zu-
rückkehren, so können wir jetzt zusammenfassend sagen, daß
seine Hauptursachen, und für Salzwedel die alleinigen, zu
suchen sind: in der Unfähigkeit der städtischen Bevölkerung^
aus sich selbst heraus oder durch fremde Zuwanderung die
Seuchenverluste zu ergänzen, und in der Auswanderung der
Bürger aus ihrer Heimat; daß die größere Abnahme im
Osten vielleicht durch eine gegenüber ihrem früheren Auf-
treten erhöhte Wirkung der Pesten, vielleicht auch durch
ein bedeutenderes Auslaufen verursacht worden ist; daß
1) U. und A. X. S. 81.
2) Vgl. Wuttke, S. 65, und Schmoller (1884), S. 1044 (die
Schätzung des Italieners, der für Hamburg, das 1594 nur 19000 Ein-
wohner hatte, 1663 nicht weniger als 100000 annimmt, mag übertrieben
sein , an einem bedeutenden Bevölkerungszuwachs wird man gleichwoh
nicht zweifeln können); für Lübeck hat Eeisner, S. 83ff., 106, fest
gestellt, daß die Einwohnerzahl nach dem 30jährigen Kriege nicht geringer
als vor ihm war.
3) Vgl. Hoeniger, S. 430.
II. 1. Kaphahn, Die wirtsehaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 45
endlich Mord und Waffentod zur allgemeinen Reduktion der
Einwohnerzahl am wenigsten beigetragen haben ^).
Nur sehr allmählich, in einem Zeitverlaufe, der sich bis
tief ins 19. Jahrhundert hinein erstreckt '-), sind die alt-
märkischen Städte wieder zu der Bevölkerungshöhe gelaugt,
die sie vor dem 30jährigen Kriege hatten, und die Be-
mühungen des Großen Kurfürsten , durch Steuerbefreiungen
und andere Privilegien Leute in die Städte zu locken, waren
anfangs nur von ganz geringem Erfolge gekrönt.
Welches sind nun die Folgen dieser dauernden Ein-
wohnerabnahme für das äußere Bild der Städte gewesen,
oder, wenn wir in der Frage den Weg angeben wollen, auf
dem wir sie zu beantworten suchen: welchen Verlust an
Immobilien führte der Krieg für die Städte herbei?
Bei dem Abgang an Häusern denkt man zuerst an die
Wirkungen der „Kriegsfackel". Aber keine der Feuers-
brünste im .30 jährigen Kriege, soweit uns darüber Mitteilungen
erhalten sind, ist durch das Kriegswesen verursacht worden,
und ihre Zahl hat in seinem Verlaufe gegenüber der Zeit
vor- und nachher nicht zugenommen. Die Art des Haus-
baues und die Unzulänglichkeit der Schutzvorrichtungen
gegen Feuer ließen noch zu Beginn der Neuzeit die Städte
häufig unter ausgedehnten Bränden leiden: so Altsalzwedel
1535, 1595, 1600, 1629, 1686^); Neusalzwedel 1474, 1559,
1) Bestimmter wird man sich nach den vorliegenden Tatsachen nicht
ausdrücken können. Wenn Meinardus, S. CXXII behauptet: „Nur die
wenigsten Bürger der Städte waren in der Lage, sich und ihre Familie
durch die Flucht dem allgemeinen Verderben zu entziehen, da dazu be-
deutende Geldmittel gehörten; der Verlust an Menschenmaterial, den die
kurmärkischen Immediatstädte im 30jährigen Kriege erlitten, ist denn
auch wesentlich durch das Schwert (sie !) und die Seuchen herbeigeführt wor-
den", so bleibt er uns für diese Behauptung nur den Beweis schuldig,
den er wohl auch schwerlich zu erbringen imstande sein würde.
2) Stendal z. B. erreichte erst in den 60 er Jahren des 19. Jahr-
hunderts wieder eine Einwohnerzahl von 8—9000, vgl. Götze, S. 570.
3) Bekmann, V. I. 3. Kap. Sp. 73 f. — Die drei mittleren Brände
finden ihren urkundlichen Beleg in einer Eingabe der Stadt von 1645
Sept. 30. B. G. St. Rep. 53. 40.
46 Geschichtliche Studien. II. 1.
1630 (Verlust eines Hauses), 1673 ^); Gardelegen 1526, in
den 60 er und 80er Jahren des 16. Jahrhunderts, 1646, 1648,
1658 (Verlust von 120 Häusern), 1 667 (Verlust von 80 Häusern),
1685 (Verlust von 142 Häusern) -); Tangermünde 1617
(Verlust von 486 Häusern und 53 Scheunen), Ende der
70er und Anfang der 80er Jahre des 17. Jahrhunderts-^);
Osterburg 1515, 1526, 1565, 1573, 1633 (Verlust von
220 Häusern) ^); Werben 1596, 1659 (Verlust von 5 Häusern),
1660 (Verlust von 15 Häusern), 1674 (Verlust von 2 Häusern),
1692/93 •^); Stendal endlich 1595, 1642 (durch Blitz ver-
ursacht), 1648 (ebenfalls), 1660''). Für Seehausen reicht
die Tradition nicht bis zum Krieg zurück; doch zweifellos
verhielten sich hier die Dinge nicht anders als in den übrigen
Städten, und ein durch das Brennen der Soldaten ent-
standener Hausschaden wird sich auch hier kaum nach-
weisen lassen '). Was aber die Tatsache anbetrifft, daß die
Soldaten Gebäude einrissen und das Holz zu ihren Lager-
feuern verwandten — was man ihnen besonders verdachte *) — ,
so handelte es sich wohlgemerkt immer um verlassene, „wüste"
Häuser, und die Soldaten leiteten nur einen Vorgang
ein, den die Bürger später, in Friedenszeiten, fortsetzten.
W^as sollte man auch mit den „desolaten" Grundstücken
beginnen? Einzelne Einwohner kauften sie bei einem ziem-
lichen Angebot und geringer Nachfrage um billiges Geld,
beseitigten, wie es wenigstens in Tangermünde und Stendal
geschah, die einfallenden Gebäude und verwandelten sie in
1) Bekmann, Y. I. 3. Kap. Sp. 118.
2) Ebenda, 4. Kap. Sp. 64 ff.
3) Ebenda, 6. Kap. Sp. 57.
4) Ebenda, 7. Kap. Sp. 42 f. — B. gibt den letzten Brand für 1631
an; eine Eingabe des Kates an den Kurfürsten von 1634 Dez. 12. rekti-
fiziert ihn aber für 1633. — B. G. St. Rep. 21. 110i>.
5) Ebenda, 8. Kap. Sp. 49 f.
6) Ebenda, 2. Kap. Sp. 249.
7) Ebenda, 5. Kap. Sp. 43 f.
8) Vgl. Ritner, S. 66 (Winter 1639/40). Dasselbe wird aber auch
für Gardelegen 1637 Okt. 27 an den Kurfürsten berichtet. — B. G. St.
Rep. 21. 68.
II. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 47
Gärten oder errichteten neue Wirtschaftsgebäude darauf ^).
So verloren die Städte notwendigerweise die Häuser, die
infolge der reduzierten Einwohnerzahl verlassen blieben. Einem
besonderen Verfall waren dabei die Vorstädte ausgesetzt;
die eine Seehausens von 39 Häusern verschwand vollständig -),
und die „Neustadt" Tangermündes zählte vor dem Kriege
91, nach diesem aber nur noch 8 bewohnte Stätten ^).
So oft sich militärische Operationen in der Altmark ab-
spielten, haben dann die Orte, die eine Befestigung erfuhren,
Schaden an ihren Fluren erlitten, auf denen Pallisaden
und Schanzwerke errichtet wurden. Salzwedel klagte dies
Mitte 1627 ^), von ^y erben berichtete Thomas v. d. Knese-
beck 1632, daß die durch Gustav Adolf angelegte Schanze
(neben dem Verlust von 78 Häusern) einen beträchtlichen
Abgang von Wiesen und Ackern für die Stadt zur Folge
gehabt hätte 5), und Gardelegen jammert 1643 über die
Schäden, die es an seinen Gärten erfahren habe ^). Tanger-
münde endlich litt besonders unter dem verschanzten Feld-
lager, daß der dänische General Fuchs 1626 in unmittel-
barer Nähe der Stadt zu seiner Verteidigung gegen die
Kaiserlichen angelegt hatte ; R i t n e r , der uns dies berichtet,
fügt für 1651, dem Erscheinungsjahre seines Buches, hinzu:
„wie man denn noch itzo von solchen Werken auf den
Ackern etwas siehet" '), d. h. aber: die Folgen waren bei-
nahe getilgt. Zugegeben, daß sie an andern Orten länger
sichtbar blieben, im allgemeinen muß jedoch betont werden,
daß die Altmärker, sobald wieder friedliche Zustände in
1) Vgl. 29. Jahresbericht, S. 4 für Tangermünde. — Von Stendal
heißt es 1641 Sept. 30, daß es „mit den desolierten Areis also beschafifen
sei, daß die Bürger derselben genießen und Weingarten darauf ange-
richtet." B. G. St. Rep. 53. 37.
2) Götze, S. 491.
3) Ritner, S. 8.
4) B. G. St. Rep. 21. 156. Eingabe von 1627 Juli 30.
5) Ebenda, Rep. 21. 175. Bericht von 1632 Mai 12.
6) Ebenda, Rep. 21. 58. Eingabe von 1643 Juli 24.
7) Ritner, S. 31f.
48 Geschichtliche Studien. II. 1.
das Land eingezogen waren, drauf und dran gingen,
die Schäden, die der Krieg geschlagen hatte, zu be-
seitigen. —
Wenn es endlich gilt, die wirtschaftliche Lage zu prüfen,
in der sich die städtische Bevölkerung nach dem Kriege
befand, so ist dabei zu scheiden zM'ischen dem durch Plün-
derung und Kontribution reduzierten Mobiliarbesitz und den
Folgen des Krieges für die kredit\virtschaftlichen Zustände,
miter denen die Städte in den Krieg eintraten. Diese letz-
teren fallen zusammen mit den Konkursen, die über die
öffentlichen Kassen und viele Private im Laufe des Krieges
hereinbrachen, und der tiefen Verschuldung, die auf dem
Wirtschaftsleben nach dem Kriege lastete.
Als ein Erzeugnis der wirtschaftlichen Entwicklung des 16.
und beginnenden 17. Jahrhunderts hat diese letztere im Laufe
des Krieges zumeist nur durch Aufsammlung rückständiger
Zinsen, zum wenigsten durch direkte Geldentleihungen zu-
genommen. Der altmärkisch-priegnitzischen Städtekasse ist
während des Krieges kein Pfennig geborgt worden ^), den Käm-
mereien ganz geringe Summen-), und auch die Verschuldung
der Privaten, die sich im einzelnen natürlich unserer Kontrolle
«ntzieht, wird kaum erheblich gestiegen sein. Was der Krieg
vor allem bewirkte, war, daß die allgemeine Überschuldung
offenbar wurde und sich in ihren verderblichen Konsequenzen
zeigte, daß Rechnung gehalten wurde zwischen Schuldner
und Gläubiger und das starke Mißverhältnis zwischen den
auf dem Papiere stehenden Summen und den wirklich vor-
1) Vgl. Götze, S. 493 £F.
2) Die Stendaler Kämmerei hat 1626 bis 1644: 5545 fl 6 ß 8 ^
Kapital aufgenommen, aber auch 3429 fl 12 ß 8i (^ an Schulden abgelegt;
■die Tangermünder im gleichen Zeitraum — mit Ausnahme der Jahre
1627, 1635, 1637, 1639, 1641 bis 1642, aus denen sich die Rechnungen
nicht erhalten haben! — 2311 fl 14 ß aufgenommen und 3826 fl 3 ß ab-
gelegt, also die Verschuldung reduziert. Bei Gardelegen und See-
hausen ist eine gleiche Nachprüfung unmöglich, da sich hier überhaupt
keine, dort nur einzelne Eechnungen aus der Zeit des Krieges erhalten
haben.
II. 1. Kaphahn, Die Wirtschaft!. Folgen d. 30jähr. Krieges usw. 49
handenen Gütern den Zeitgenossen zum Bewußtsein kam.
Diese Tatsache, die den Gläubigern die eigentliche Natur
ihres Besitzes vor Augen führte, ist es gewesen, die deren
unaufhörliche Klagen über ihre Schuldner hervorrief.
Wie wir wissen, war die altmärkisch-priegnitzische Städte-
kasse schon 1623 zahlungsunfähig geworden. In dem Augen-
blicke aber, da der Krieg über die Altmark hereinbrach,
verschlechterte sich ihre Lage in einer zwiefachen Weise:
einmal dadurch, daß ein großer Teil der jährlichen Schösse
und indirekten Abgaben ausblieb und sich so ihre Einnahmen
ständig verminderten ^), zum andern aber wurde das Drängen
der Gläubiger, die das Ihre zu retten suchten, immer un-
gestümer. Ende September des Jahres 1629 prophezeite
Joachim Schönhausen dem Kurfürsten -), daß, wenn die Land-
schaft vom währenden Kriegswesen befreit sein würde,
man einen neuen Krieg gegen die Kreditoren werde führen
müssen; denn die inländischen — durch das kurz vorher er-
lassene Indultum Moratorium, d. h. die aufgehobene Ver-
pflichtung der Zinszahlung und Kapitalrückerstattung und Ver-
hinderung jeglicher Pfändung ^), war es ihnen ausgeschlossen,
von ihren Schuldnern etwas zu erlangen — hätten schon ge-
droht, ihre Forderungen an Offiziere oder ausländische Gläu-
biger abzutreten. Jene aber trieben die städtischen Schulden-
verpflichtungen von einzelnen Bürgern — indem sie sie nach
altem Brauche als haftpflichtig für ihre Kommunen an-
sahen ^) — „vi militari", d. h. durch militärische Exe-
kutionen ein; diese suchten durch Repressalien, indem
sie Waren und Geldforderungen altmärkischer Städter in
fremden Städten mit Beschlag belegten, zu dem Ihrigen
zu gelangen. Von der Kasse selbst komite nur ein kleiner
Teil der Gläubiger etwas erhalten, und je weiter die Zeit
vorrückte um so weniger; denn die wiederholten Verord-
1) Vgl. Götze, S. 493f.
2) B. G. St. Eep. 53. 28. Bericht von 1629 Sept. 29.
3) Isaacsohn (1880), S. 37.
4) Ehrenberg (1896), S. 19.
Geschichtliche Stadien. IT. 1. a
50 Geschieh tliclie Studien. 11. 1.
nungen des Kurfürsten an die Städte, in ruhiger Zeit den
Schoß wieder einzubringen ^), fanden keine Beachtung; im
Gegenteil, die Einnahmen der Städtekasse wurden immer
geringer, und nach den schweren Jahren gegen Ende des
4. Jahrzehnts fielen die Schösse überhaupt aus.
Der Kurfürst hat indessen auch weiterhin nicht verfehlt,
seit 1642 die Städte zur Erlegung von V4, seit 1647 von V2
des Schosses anzuhalten-), jedoch ohne Erfolg, und die in
Arendsee 1649 versammelten Städte gaben als Grund an,
daß die brandenburgische Kurrentkontribution und die schwe-
dischen Satisfaktionsgelder, sowie andere „extraordinär exac-
tiones" ihnen eine weitere Leistung unmöglich mache ^). So
blieben denn dem Städtekasten allein die indirekten städtischen
Abgaben, die Bierziese, Scheifel- und Branntweinblasen-
steuer, deren Ertrag zu Beginn- der 40 er Jahre unter
3000 thlr jährlich gesunken war, bis zu Ende dieses Jahr-
zehntes aber wieder auf 5700 thlr stieg und auf dieser
Höhe sich jahrzehntelang hielt ^). An diesen Verhältnissen
änderte auch das Dekret vom 22. September 1671 nichts,
das nur die Konsequenz aus der eingetretenen Entwicklung
zog , wenn es den Städten die Schoßrückstände an den
Kasten von 1625 bis 1649 vollkommen, die von 1650 bis
1670 zum allergrößten Teil erließ, dagegen erneut die künftige
Erlegung des halben Kurrentschosses forderte ■'). Wie wenig
ernst aber die letztere Ermahnung gemeint war, bezeugt
nicht allein die Wendung im Dekret, daß man es damit
zu Anfang auf drei Jahre „versuchen" solle, sondern auch die
erneute Erlassung aller rückständigen Schösse, von denen
1) B. G. St. Eep. 53. 28. YerordnuDgen von 1632 Okt. 24 und 1633
Mai 15. — Eep. 53. 37 von 1634 April 17.
2) B. G. St. Eep. 53. 28. Kurfürstliche Befehle von 1647 Okt. 13,
1648 Okt. 12, 1650 Mai 30. — Vgl. auch C. C. M. lY. ILE. 1. Kap.
Sp. 21 ff. Verordnung von 1664 Sept. 19, in der früherer Erwähnung
getan wird.
3) B. G. St. Eep. 53. 28. Eingabe von 1649 Febr. 6.
4) Vgl. Götze, S. 494f.
5) C. C. M. IV. III. 1. Kap. Sp. 29 ff.
II. 1. K a p h a h n , Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 51
kein Pfennig eingekommen war, im Jahre 1680 ^). Der
Große Kurfürst hatte eben auf einem ganz anderen Weg als
seine Vorfahren seine Einkünfte zu erhöhen vermocht, nicht
mehr durch Aufnahme hoher Schulden, deren Tilgung man
den Ständen übertrug, sondern durch ein stärkeres direktes
Heranziehen der Steuerkraft seiner Untertanen -). Darum
lag ihm auch bei weitem mehr die Erlegung der Kontribu-
tion, der neuen direkten, und der Akzise, der neuen indirekten
Steuer am Herzen, als die des Schosses für die Städte-
kasse, deren einzige Aufgabe es noch blieb, die im 16.
und beginnenden 17. Jahrhundert übernommenen Schulden-
summen abzulegen. Daß ihr dies aber bei ihren geringen
Einkünften überhaupt möglich wurde, bewirkte einmal, die
Kassation aller „auf dem Kasten rückständig haftenden
Zinsen", wie sie 1671 förmlich vollzogen wurde, zum andern
aber die Reduktion der Kapitalien, die, soweit sie zur
Zeit des hohen Geldkurses im Beginn der 20 er Jahre ein-
gelegt worden waren, offiziell auf 26l*^/o, die übrigen
dagegen auf 66t % herabgesetzt wurden. Es ist jedoch
notorisch, daß man in der „Behandlung der Kapitalien", wie
man damals den Vergleich mit den Gläubigern nannte, oft
auf 20 bis 25 '^'^ der von diesen eingelegten Summen ge-
langte •^). Die Kreditoren aber begnügten sich angesichts der
eingetretenen Verhältnisse gern mit einem Teile der Dar-
lehen ihrer Vorfahren an die Kasse, um nur nicht alles zu
verlieren, so daß der Verordnete des altmärkisch-priegnitzi-
schen Städtekastens 1683 von ihnen berichten konnte, sie
seien über alle Erwartimg entgegenkommend^). Bis 1690
hat der Städtekasten auf diese Weise seine Schuldenlast so
weit vermindert, daß der Kurfürst, unter dessen strenger Kon-
trolle er jetzt stand, ohne fürchten zu müssen, daß jener
seinen Zins Verpflichtungen von neuem nicht nachkommen
1) Ebenda, Sp. 35 ff.
2) Zu Ämterverpfändungen hat aber der Große Kurfürst noch ebenso
wie die früheren Hohenzollern greifen müssen (vgl. ßreysig, S. 235, 336).
3) Krug, S. 12.
4) U. und A. X, S. 470.
4.*
52 Geschichtliche Studien. II. 1.
könne, bei ihm von einer weiteren Kapitalabtragung absehen
konnte ^).
Ein ganz ähnliches Schicksal, wie die gemeinsame Städte-
kasse erfuhren im Kriege die Kämmereien der einzelnen alt-
märkischen Städte. Bei ihnen nahmen in gleicher Weise die
jährlichen Einkünfte außerordentlich ab, nicht allein durch
den Ausfall der Schösse, die sie ja zu einem großen Teil
an den Kasten weitergegeben hatten, sondern auch durch
den Abgang der Einnahmen aus den Eigenbetrieben. Der
Rat zu Gardelegen hatte noch kurz vor dem Kriege eine
Wassermühle gekauft, die sich leidlich mit 21 *^/o (die jähr-
lichen 6 \ igen Zinsen für die Summen, die zu dem Erwerbe
aufgenommen waren, abgezogen) rentierte; im Laufe des
Krieges aber wurde sie zerstört, so daß die Einnahme über-
haupt ausfiel. Aber auch von den anderen städtischen Pro-
duktivanlagen, den übrigen Mühlen, dem Ziegelhof, dem Bier-
und Weinkeller gingen die Einkünfte hier wie in anderen
Städten zurück, und es ist daher selbstverständlich, daß die
Städte im Laufe des Krieges ihren Zinsverpflichtungen nur
in ganz geringem Maße nachzukommen vermochten. Tanger-
münde hatte, vne wir wissen, 1624: 1459 fl 14 sh 3 -^
Zinsen zu bezahlen, in den meisten Jahren während des
Krieges (bis 1644) leistete es aber durchschnittlich nur 373 fl
15 sh i/a ^ '-); Stendal zahlte 1625: 2643 fl 20 sh 7 4, während
des Krieges dagegen durchschnittlich nur 613fl6sh3'^;
Gardelegen endlich entrichtete 1624: 1012 fl 5 sh 4 ^Sf,
1629: — , 1631: 40 fl, 1640: 2774 fl 16 sh 4 A, 1642:
992 fl 6 sh 5 -5,, 1644: 1467 fl 3 sh 4 -^ (zumeist als
„Retardaten so der Rat schuldig geblieben").
Natürlich wurden auch die Städte durch die Indulta
moratoria seit 1629 vor Exekutionen wegen Verpflichtungen,
die sie nicht erfüllen konnten, geschützt. Daß sie aber
— namentlich von seiten ausländischer Gläubiger — sich
1) Schmoller (1909), S. 42.
2) Die Jahre, aus denen die Kämmereirechnungen nicht auf uns ge-
kommen sind, siehe S. 48 Anm. 2.
n. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 53
dieser nur schwer erwehren konnten, erweist z. B. die Bitte
Gardelegens an den Kurfürsten 1641, die Immission in
die stendalische Mühle und die Kellerintraden zu ver-
hindern 1). Namentlich die eingelagerten Offiziere verstanden
sich darauf; 1642 klagten sämtliche altmärkischen Städte,
daß jene die Forderungen der Kreditoren übernähmen und
sie „vi militari" eintrieben -), und ein Jahr vorher haben
alle märkischen Städte geklagt, daß die Soldaten sieh von
14 zu 14 Tagen „mandata executorialia" zu verschaffen
wüßten und sowohl öffentliche als auch private Güter an
sich brächten ''').
Von den größeren Städten, deren Kämmereirechnungen
sich erhalten haben, wissen wir, daß sie sich unmittelbar
nach dem Kriege bemühten, rückständige Zinsen und einen
Teil der Schuldenlast abzulegen. Gardelegen z. B. hat
in den Jahren 1645 bis 1654 (mit Ausschluß von 1653)
7753 fl 12 sh 85 A restierender Zinsen und 3460 fl 20 sh
7 -^ an Kapital ausgezahlt, ja sogar 1007 fl 16 sh zinsbar
neu ausgeliehen ; und Stendal hat im gleichen Zeiträume
seine Schulden um 8919 fl 17 sh, Tangermünde die seinen
von 1645 bis 1648 um 1564 fl 4 sh 8 -^ vermindert^).
Jedoch blieb dies nur ein kleiner Teil ihrer Verpflichtungen,
der sich noch weiterhin dadurch verringerte, daß die Städte
mit den laufenden Zinsen erneut im Rückstand blieben und
die restierenden dadurch dauernd neu anwuchsen. Sie und
noch viel weniger die kleineren Städte ^) hätten wie zu einer
Gesundung ihres Schuldenwesens gelangen können, wenn
1) B. G. St. Kep. 21. 58. Eingabe von 1641 Dez. 9.
2) Ebenda, Rep. 53. 29. Eingabe von 1642 Sept. 3.
3) ü. und A. X, S. 80 f.
4) Vgl. die Käramereirechnungen der Städte aus diesen Jahren; die Auf-
zeichnungen Zahns (f) aus den Tangermünder brechen mit 1649 leider ab.
5) In Seehausen sind zwar Verzeichnisse über Einnahmen und Aus-
gaben der Stadt von 1645 bis 1650 erhalten, jedoch die einzelnen Posten
bunt durcheinander geschrieben und infolge des beschädigteu Papiers in
ihrem Betrage oft nicht mehr zu erkennen. Daß die Stadt aber sehr wenig
zur Tilgung ihrer Schulden tat, lehrt der Umstand, daß sie vom 22. März
1659 bis 22. März 1660 ganze 23 thlr 12 gr dafür aufbrachte.
54 Geschichtliche Studien. II. 1.
nicht auch ihnen der Kurfürst zu Hilfe gekommen wäre. In
dem schon erwähnten Edikt von 1671 annuHierte er auch
alle rückständigen Zinsen der Kämmereien an ihre Gläubiger,
und riet den Städten, was sie schon lange getan, mit diesen
über die Rückzahlung nur eines Teiles der Kapitalien zu einem
möglichst billigen Vergleich zu kommen. Auf diese Weise
sind die märkischen Kommunen bis gegen 1750 zu fast
vöUiger Schuldenfreiheit gelangt ^).
So mußten sich denn die Kinder und Kindeskinder mit
einem geringen Teile dessen begnügen, was die Väter und
Vorväter in die Städtekasse und Kämmereien eingezahlt —
was sie in Wirklichkeit aber dem Kurfürsten geliehen hatten ;
denn seine Schulden wurden davon bezahlt. Und sie teilten
jetzt das Schicksal, das über die Kapitalisten in den süd-
deutschen Städten schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahr-
hunderts hereingebrochen war -), indem auch sie ihr Ver-
mögen durch den Kredit verloren, den sie Fürsten gewährt
hatten; nur mit dem Unterschiede, daß es im Süden fremde,
französische und spanische, im Norden dagegen einheimische
waren, die sich die Kreditfähigkeit der Untertanen zunutze
gemacht hatten, und daß die Zwischeninstitute der Städte-
kasse und Kämmereien deu Sachverhalt nicht auf den ersten
Blick erkennen ließen.
Doch dieser starke Vermögensverlust ihrer Gläubiger ^)
war nicht das einzige, was das Schicksal der öffentlichen
Kassen im 30jährigen Kriege bewirkte. Unter den Kredi-
toren waren manche im Verlaß auf Summen , die sie beim
Städtekasten oder bei den Kämmereien stehen hatten, ander-
weitige Verpflichtungen eingegangen. Diese mußten in dem
Momente zahlungsunfähig werden, als ihre Gläubiger die
Summen zurückverlangten und sie doch ihre Guthaben bei den
1) Schm oller (1909), S. 42.
2) Ehrenberg (1895), S. 41.
3) Darunter befanden sich, wie schon erwähnt, auch Witwen und
Waisen, ferner pia corpora. An ihren Kapitalien wurde weder eine
Eeduktion vorgenommen, noch die ihnen zu zahlenden rückständigen
Zinsen kassiert. Vgl. v. Raum er, S. 332 Anm.
11,1. Kaphahn, Die wirtsebaftl. Folgen d.SOjähr. Krieges usw. 55
Kassen nicht zu heben vermochten. Über manchen Schuldner
ist im Laufe des Krieges der Konkurs hereingebrochen,
vor dem sie oft auch die seit 1629 erlassenen Indulta
moratoria nicht zu schützen vermochten; denn 1633 be-
richtete Thomas v. d. Knesebeck dem Kurfürsten, daß er
trotz des Indults und wider seinen Willen mitunter gegen
die Schuldner Exekutionen anbefehlen müsse, „weil die
Kreditoren, darunter auch viele ausländische seien, haufen-
weise mir auf den Hals rücken, mit großem Ungestüm
und Unbescheidenheit auf Exekution drängen . . . und Re-
pressalien nicht allein dräuen, sondern auch an vielen
Orten zu Werke zu richten sich unterfangen"^). Die In-
dulte sind aber, wie schon gesagt, unter Georg Wilhelm
immer wieder erneuert worden und 1643 auch unter dem
Großen Kurfürsten, freilich, da es sich in diesem Jahre schon
darum handelte, endlich damit zu beginnen, aus den ver-
worrenen Verhältnissen des Krieges herauszukommen, nur für
Schuldverpflichtungen von über 300 thlr; außerdem sollten
in den nächsten drei Jahren 4 % laufende Zinsen und 3 %
von den versessenen gezahlt werden, so daß die Schuldner
eine 7 % ige Verzinsung ihrer geliehenen Kapitalien auf sich
nehmen mußten -). Doch sie haben dieser Bestimmungen nicht
geachtet, und sind dadurch in immer größere Verschuldung
geraten. Am 25. Juni 1647 schrieb Thomas v. d. Knesebeck
an seinen Bruder Hempo: „Was die Indulten bisher ge-
nutzet haben, hat der Ausgang erwiesen"; „bei währendem
Indulto, so S. Ch. D. den Ständen anno 1643 erteilet, ist
1) B. G. St. Rep. 53. 84. Bericht von 1633 Juni 26.
2) C. C. M. 11. II. Sp. 3 ff. — Daneben wird verordnet, daß das In-
dult sich fernerhin nicht beziehe:
1. auf wachende, d. h. unverzinsliche Krämerschulden; diese müssen
gezahlt werden, außer wenn sie schon in eine verzinsliche Schuld um-
gewandelt worden sind.
2. auf das, „was Handelsleute unter sich einander verschrieben
und in ihre Handlung hineinläuft".
3. auf Pakte der Schuldner, auf die sie sich mit ihren Gläubigern
über die Abtragung ihrer Verpflichtungen verglichen haben.
56 Geschichtliche Studien. II, 1 .
nichts gezahlet und der moderierte Zins je so wenig als
die graviores usurae auskommen''; „die Debitores sind
dadurch in ein weiteres Stocken geraten, und ist ihnen
das Werk schwerer als vorhin geworden" ^). Obwohl sich
der Kurfürst dieser Wirkungen bewußt war, hat er das
Indult bis zum Beginn der 50 er Jahre noch dreimal er-
neuert, und den Schuldnern Zeit zur Erholung und Ge-
legenheit zu „gütlicher Handlung" mit ihren Kreditoren,
d. h. zu einem Vergleich mit diesen über ihre Verpflich-
tungen gegeben -); denn allzu viele Existenzen wären ihr
zum Opfer gefallen, wenn der Exekution freier Lauf gelassen
worden wäre.
Es war ein außerordentlicher Druck, der durch diesen
Zusammenbruch der Kreditwirtschaft, wie sie sich in be-
sonderem Maße im 16. und beginnenden 17. Jahrhundert
herausgebildet hatte, auf dem städtischen Wirtschaftsleben
nach dem Kriege lastete, und es bedurfte einer langen
Zeit bis alle seine Folgen getilgt waren. Jedoch ist dies
eine Katastrophe gewesen, zu der der Krieg nur den
letzten Anstoß gab; unmittelbarer wirkte er dagegen auf
das Schicksal der realen, mobilen Wirtschaftsgüter durch
die Kosten, den Geldverlust, den er dem Lande verur-
sachte.
Wenn man bisher diesen zu ermitteln suchte, so ver-
fuhr man — ähnlich wie die Zeitgenossen des Krieges —
so, daß man sämtliche geleistete Kontributionen aus-
zumitteln suchte und die durch Raub und Plünderung
verursachten Schäden schätzungsweise hinzurechnete. Auf
diese Weise, durch Summierung sämtlicher, irgend zu er-
mittelnder Verluste aller einzelnen, hat z. B. Thomas
V. d. Knesebeck den durch die Einlagerung der kaiser-
lichen Truppen für die gesamte Altmark entstandenen
Mobihenabgang auf rund 4000000 thlr berechnet und Götze
1) U. und A. X, S. 161 f.
2) Isaacsohn (1880), S. 169.
II. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30jähr. Krieges usw. 57
die gesamten Kriegskosten für Stendal auf 8 — 900 000 thlr
geschätzt ^).
Ganz davon abgesehen, daß die so heransgerechneten
Summen stets unzulänglich bleiben müssen, da die Kontri-
butionsrechnungen sich an keinem Orte erhalten haben und
wir im letzten Grunde auf Schätzungen angewiesen sind»
machen sich gegen die Berechtigung dieses Verfahrens starke
Bedenken geltend.
Nehmen wir die Kontributionen, die die Städte ge-
leistet haben! Was sagen uns diese Summen? Daß so
und so viel Geld aus der Hand der Bürger in die der
Soldaten geflossen ist. Es wäre aber ein großer Irrtum
zu glauben, diese Summen stellten den Kapitalverlust für
die Städte dar. Gewiß haben wir Nachrichten von der
Virtuosität, auf die sich manche Feldherren des 30jährigen
Krieges verstanden, binnen kurzem ungeheure Gelder auf-
zuhäufen, die sie meist in ausländischen Banken anlegten und
dadurch dem Beutel der Bürger dauernd entzogen-); indes
ein reichlicher Teil des Soldes, namentlich der Soldaten, aber
auch der Offiziere kehrte tatsächlich in die Hände der
zahlenden Einwohner zurück. Nicht allein, daß diese mit-
unter Entgelt für tägliche Kost forderten, so daß Pappen-
heim von Stendal aus 1628 an den Rat von Gardelegen ein
Schreiben richten konnte, in dem er es für unbillig hielt,
wenn den Soldaten und Offizieren für „die wenige Speis,
so ihnen von der Bürgerschaft gereicht worden", etwas ab-
genommen würde ^); bei längeren Einquartierungen boten sich
dem Soldaten auch noch andere Gelegenheiten, das Geld da
wieder in Umlauf zu setzen, wo er es empfangen hatte. Da
gab er es Küstern und Pfarrern für die Taufen seiner
Kinder und für Trauungen, da feierte er aus diesen und
anderen Anlässen Feste und Gelage, aus denen Bäcker,
Fleischer und Krämer ihren Vorteil zogen, da legte er es
1) B. G. St. Eep. 53. 12. Bericht von 1630 April 30. — Götze,
S. 493.
2) Lorentzen, S. 15 Anm.
3) Götze, S. 457.
58 Geschichtliche Studien. II. 1.
in den Ratskellern oder bürgerlichen Schenkstuben in Bier
und Wein an, oder er nahm die Dienste der Handwerker
anderweitig in Anspruch ^).
Was aber das durch die Soldaten geraubte Gut anbe-
trifft, so haben die Bürger oft daraus Vorteil gezogen, indem
sie diesen ihre Beute zu Spottpreisen abkauften. Schon in
einem Patent von 1627 heißt es, daß sich „Leute finden,
sonderlich in den Städten , die da wenig beachten , ob es
auch christlich, ehrbar und billig sei, seines Nachbarn
wohlerworbenes Gut mit unrechtmäßigem Titel an sich zu
bringen", indem sie den Soldaten, „was diese an fahrender
Habe, auch zinnern, messingen, kupfernen Hausgerät, Klei-
dung, Bett und Leinewand geraubt hätten", „um ein Hunde-
geld" abkauften -), und die Erneuerung des Mandates im
Jahre 1631 und 1635 beweist ^j, wie dieses Geschäft den
ganzen Krieg hindurch weiter blühte. Speziell für die Alt-
mark wird es uns für 1627 von den Kaiserlichen berichtet,
daß sie das geraubte Vieh zu Spottpreisen verkauften:
einen Ochsen statt für 8 bis 16 für 2 thlr, eine Kuh
statt für 4 bis 8 für li thlr, ein starkes Schwein statt
für 3 bis 4 für 1 thlr, einen Hammel oder ein Schaf
statt für 21 bis 24 für 6 gr; dasselbe für 1631 ^). Vom
1) Es ist durchaus irrig, sich das Verhältnis zwischen Soldaten und
Bürgern als das einer permanenten Vergewaltigung dieser durch jene vor-
zustellen. Gewiß kam es vor; aber es wird doch stets als Exzeß ange-
führt, für den man Strafe fordert ; gerade aus der schlimmsten Zeit für die
Altmark, dem Jahre 1637, haben wir aus Gardelegen ein Zeugnis des guten
Einvernehmens zwischen Bürgern und eingelagerten Soldaten, indem sie
am 31. Juli nachmittags und abends miteinander Bossel gespielt und
Wein getrunken haben, das Vergnügen nur das schlimme Ende nahm, daß
ein Fähndrich und mehrere Bürger nachts in der Stadt ruliestörenden
Lärm vollführten (B. G. St. Eep. 21. 68). Dieselbe Stadt beschwerte sich
1643 Juli 23, daß die Soldaten trotz gewisser Taxordnung die Preise für
Brot und Wein drücken wollten (ebenda).
2) C. C. M. II. III. Sp. 11 ff.
3) Ebenda, III. II. Sp. 35 ff. und 43 f.
4) Schultz, S. 132. — Die normalen Preise nach v. Petersdorf f,
S. 20, und der Geldrechnung des Amtes Diesdorf von Mich. 1616 17
(M. St. Eep. D. Amt Diesdorf Nr. 425).
n. 1. Kaphahn , Die wirtschaftl. Folgen d. SOjähr. Krieges usw. 59
Jahre 1635 endlich erzählt Bekmann, daß die schwedischen
und kaiserlichen Soldaten eine wohlfeile Zeit gemacht und
die sächsischen mit Vieh, Getreide und Kleidern einen
schwunghaften Handel getrieben hätten ^). Aber nicht allein
dem Raubzeug aus der Altmark widerfuhr dieses Schicksal,
auch aus andern Ländern wurde Kriegsbeute herbeigeschleppt,
so 1636 eine große Viehherde aus Mecklenburg, die aber
bei Tangermünde von einer Seuche befallen wurde, so daß
ein Teil derselben darob verstarb -).
Daraus erhellt, daß ein großer Teil dessen, was der ein-
zelne verlor, nicht für das Land verloren blieb, sondern nur
durch Vermittlung des Soldaten, der sich allerdings eine
reichliche Provision sicherte, in andere Hände überging, daß
der „Verlust" an wirtschaftlichen Gütern zu einem guten
Teil auf Besitz Verschiebung unter den Bewohnern des
Landes hinauslief. Hiernach ist aber auch weiterhin klar,
daß die Summe aller Kontributionen und sämtlicher je ge-
raubter Güter durchaus nicht mit dem Mobilienverlust eines
Landes identisch ist. Um diesen zu gewinnen, müßten ^^•ir
jene reduzieren; da wir aber absolut nicht wissen um wieviel,
so müssen wir bekennen, daß eine Feststellung der Kriegs-
schäden in dieser Hinsicht überhaupt unmöglich ist.
Auf indirektem Wege — über den Verlust — können wir
also nicht zu einer Vorstellung von den mobilen Wirtschafts-
gütern, die nach dem Kriege noch in den Städten vor-
handen waren, gelangen; aber auch der einer direkten Er-
mittlung ist nur für den Besitz an Geld möglich. Und da
zeigt es sich denn, daß von einer völligen Verarmung der
Bevölkerung, wie man sie sich früher für ganz Deutschland
einbildete, in der Altmark nicht die Rede sein kann. Vor
allem die Ratsaristokratie befand sich durchaus in keiner
elenden Lage. Während Geistliche und Hospitäler durch
die verminderten Einnahmen der Kämmereien, vou denen
sie sowohl Zinsen von Kapitalien, die bei ihnen niedergelegt
1) Bekmann, Y. I. 2. Kap. Sp. 243f.
2) Eitner, S. 56.
60 Geschichtliche Studien. II. 1.
waren, als auch jährlich Gehalt resp. Unterstützungssummen
zu fordern hatten, oft nur ein Geringes erhielten und in
bittere Not gerieten, wußten Bürgermeister und Ratsherren
sich ihre jährlichen Salaria stets zu sichern, oder, wenn sie
wirklich einmal ausfielen, in den folgenden Jahren nachzahlen
zu lassen. Am deutlichsten läßt sich dies in Stendal er-
kennen, wo die Kämmereirechnungen aus den Kriegsjahren
sich fortlaufend erhalten haben ; aber auch in Gardelegen
scheint es der Fall gewesen zu sein, indem die höheren
städtischen Beamten 1627, 1629, 1631, 1640 jährlich das
Ihre erhielten; und nicht sie allein, auch die niederen, der
Marktmeister, der Holz- und Bettelvogt, die Stadtdiener
hatten durch den Krieg nur einen geringen Ausfall ihres
Soldes zu beklagen. Hinzu kam noch, daß Bürgermeister
und amtierende Ratspersonen, sowie der Stadtschreiber, mit-
unter aber auch die Stadtdiener, Kontributionsfreiheit ge-
nossen und vom „sitzenden Rate" nur wenig gezahlt wurde ^).
Ein Beweis im einzelnen für die relative Wohlhabenheit der
Ratsaristokratie kann endlich auch die Tatsache sein, daß
Otto Grote vom Stendaler Rat in dem Stendaler Stadtdorf,
das die Stadt während des Krieges an Schwarzenberg ver-
pfändet hatte und das aus dessen Besitz in den des Kurfürsten
übergegangen war, 1652 einen Hof erwerben wollte -) und daß
Joachim Fritze, Bürgermeister zu Werben, 1650 Christoph
von Kröchern auf Lohne vier bewohnte und drei wüste
Kossätenhöfe für 100 thlr abkaufte =').
Aber auch von der breiten Bevölkerung haben wir Nach-
richten, deren Zuverlässigkeit ganz unbestreitbar ist, daß
wohl ein großer Teil verarmte, ein anderer, wenn auch ge-
ringerer es dagegen im Laufe des Krieges zu etwas brachte.
Dies beweisen die Gründe, die den Landeskommissar Chri-
stoffer von Bismarck 1643 dazu bewogen, sich gegen die
1) So wenigstens in Stendal, wo es 1643 Sept. 19 die Bürgerschaft
anläßlich der Huldigungsfeier, die die Stadt dem Großen Kurfürsten be-
reitete, klagte. B. G. St. Eep. 21. 155.
2) Prot, und Eel. lY, S. 464.
3) 23. Jahresbericht, 2. Heft, S. 85.
II. 1. Kaph ahn, Die wirtschaftl. Folgen d.SOjähr. Krieges usw. 61
Festlegung der Kontributionsverteilung unter der Bevölke-
rung Stendals zu erklären : AVeil zwar „propter varias et
muliiplices mutationes, so in der Stadt vorgegangen, bei
vielen und meisten das Vermögen abgenommen, andere aber,
so anfänglich ob inopiam (von der Kontribution) verschonet,
sich tractu temporis in etwas wieder recolligieret , Nahrung
zu treiben angefangen und dadurch ad pinguiorem fortunam
kommen" ^). Und ist dies der Beweis für eine einzelne Stadt,
so sind es die Summen, die alle altmärkischen Städte noch
nach dem Kriege an Steuern aufgebracht haben, auch für
sie. Götze befindet sich im Irrtum, wenn er glaubt,
daß die Einnahmen der altmärkisch -priegnitzischen Städte-
kasse, die nach dem Kriege nur noch aus indirekten Ab-
gaben bestanden, die gesamten Leistungen der Bevölke-
rung repräsentierten, diese also zu direkten überhaupt nicht
mehr imstande gewesen sei -). An solchen zahlte sie nicht
allein den Kämmereien laufende und restierende Schösse,
die diese nur nicht an den Städtekasten weitergaben, son-
dern für eigene Zwecke verwandten, und die in Stendal ein
knappes, in Gardelegen ein reichliches Drittel der durch-
schnittlichen jährlichen Steuern vor dem Kriege betrugen •^),
sondern sie nahm noch dazu die schwere kurbrandenburgische
und schwedische Kontribution auf sich. Diese ist für die
ersten Jahre nach den kriegerischen Ereignissen in der Alt-
mark nicht mehr genau festzustellen, da städtische Kontri-
butionsregister so gut wie vollständig fehlen. Immerhin
lassen die wenigen Nachrichten, die wir von den monatlich
wechselnden Summen haben, die der Kurfürst den Städten
zu erlegen anbefahl, einen Schluß auf die ungefähre Höhe
1) B. G. St. Kep. 21. 155. Bericht von 1643 Nov. 29.
2) Götze, S. 493ff.
3) Die Schoßeinnahmen schwankten in den letzten Jahren vor dem
Kriege stark, heliefen sich aher 1621 bis 1625 durchschnittlich in Sten-
dal: auf 8647 fl 19 sh 1 <^ ; 1645 bis 1649: 2770 fl 17 sh 1 ^ ; in
Gardelegen 1621 bis 1625: 3 907 Ü 6 sh 11 <^ , 1645 bis 1649: 1596 fl
15 sh 7 ^; in Tangermünde 1621 bis 1625: 4436 fl 5 sh 1 <^, 1645
bis 1648 aber nur 66 fl 16 sh.
62 Geschichtliche Studien. II. 1.
der bürgerlichen Abgaben an den Landesberrn und die
Schweden seit 1643 zu. Im Juni dieses Jahres betrugen
sie 2400 thlr 9 gr an Geld, im Juli desselben 2760 thlr 16 gr
3 -^, im März 1644 die gleiche Summe ^); in den nächsten
Jahren müssen sie dann noch gestiegen sein '-), um erst gegen
Ende der 40er Jahre wieder herabzusinken; Januar 1649
stellten sie sich auf 1498 thlr 8 gr 1 -5^, August 1650:
1515 thb 10 gr 4 A, September 1650: 1717 thlr — gr
6 A ^). Da aber in diesen beiden letzten Jahren zur Kurrent-
kontribution die schwedischen Satisfaktionsgelder hinzu-
kamen, zu denen die altmärkischen Städte 23 430 thlr bei-
brachten ^) , so hielt sich auch in diesen beiden Jahren die
monatlich von den Bürgern zu leistende Summe auf einer
Höhe von 2500 bis 2700 thlr. Nehmen wir aber an, daß
der jährlich von den Bürgern an die Kämmereien ab-
geheferte Schoß vor dem Kriege dieselbe Höhe erreichte,
wie der der Kämmereien an die Städtekasse vermehrt um
deren Abzüge, 1625 also 35 2701 thlr -"} — was eine monatliche
Abgabe von rund 2940 thlr bedeutete — so hätte die Rest-
1) B. G. St. Kep. 24. M. b. fasc. 1. Außer dem Gelde mußten die
Städte den Schweden monatlich noch 1691 seh Korn, dem Kurfürsten
seit 1637 die Kriegsmetze leisten, d. h. außer der vom Müller erhobenen,
eine weitere von jedem seh verraahlenen Korns, die in die kurfürstlichen
Festungen gebracht wurde (C. C. M. IT. IV. Sp. 75 ff.).
2) B. G. St. Eep. 53. 40. 1646 Aug. 6 gab Salzwedel eine monatlich
zu leistende Kontributionssumme von 1398 thlr 3 gr 6 c) an, was, da die
Stadt seit 1638 40 % der gesamten altmärkischen Stadtkontribution auf-
brachte, auf deren Höhe von 3495^ thlr schließen läßt.
3) B. G. St. Rep. 24. M. b. fasc. 3. Blatt 40 ff.
4) Zu den letzten zwei Millionen Satisfaktionsgeldern an Schweden
gab die Mark Brandenburg 64 000 thlr, die altmärkischen Städte 9 022 thlr
9 gr 2 () (B. G. St. Rep. 53. 40). Wenn Prot, und Rel. IV, S. 324 von
10009 thlr die Rede ist, so sind wahrscheinlich die Rückstände Salz-
wedels von den ersten drei Millionen her hinzugezählt, die Prot, und ReL
IV, S. 197 erwähnt werden. Zu der ersten Zahlung an die Schweden
steuerte die Mark Brandenburg 100000 thlr, die altmärkischen Städte
entsprechend obiger Quote 14409^ thlr.
5) Da uns bei drei Städten die Kämmereirechnungen fehlen, können
wir die genauen Summen der geleisteten Schösse aus ihnen nicht ermitteln.
Darum siehe S. 11 Anm. 4.
II. 1. K aphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. SOjähr. Krieges usw. 63
bevölkerung in den ersten Jahren nach dem Kriege allein
an Kontributionen nahezu dasselbe geleistet, wie die ge-
samte an Schoß vor ihm ^).
Diese Tatsache ist durchaus nicht so unerklärlich. GewiR
haben die Faktoren, die sich schon im 16. Jahrhundert
hemmend für das städtische Wirtschaftsleben geltend ge-
macht hatten, in und nach dem Kriege fortgewirkt, ja für
ihre Ausbreitung eine günstige Zeit gefunden und die alt-
märkischen Bürger beim Kurfürsten um Edike gleichen In-
haltes wie vor dem Kriege anhalten lassen. Im Jahre 1644
wurde von neuem allen „ledigen und unbesessenen Gesellen
wie auch den fremden Kaufleuten" der Aufkauf von Vieh,
Getreide, ^yolle und anderen landwirtschaftlichen Produkten
auf dem Lande außerhalb der Märkte verboten und den
Bauern alle ihre Produkte auf den städtischen Markt zu
bringen befohlen -); 1649 klagte Stendal über „fremde Land-
streicher, Schiebkörner, Knübsel und Puttenträger, Manns-
und Weibspersonen, so nirgends häuslich gesessen, . . . welche
hin und wieder in und außerhalb der Städte, Flecken,
Dörfer allerhand Waren und Gewürze brächten und selbe
verfälscht und untüchtig zwischen den Jahrmärkten ver-
kaufen" 3|- 1643 endlich versuchten die von Alvensleben in
der Altmark ihre Krüge selbst mit Bier zu verlegen ^).
Jedoch darf man sich nicht vorstellen, daß die den
Städten ungünstige Weiterentwicklung diesen kaum die
Existenzmöglichkeit gelassen hätte, daß sie zu einer Er-
holung von den Schlägen des Krieges gar nicht gelangt
seien. Gerade Gardelegens Hopfenbau und Bierbrauerei
hat nach dem Kriege einen schnellen Aufschwung genommen.
1) Daß die Summen, die der Kurfürst aus seinen Landen schöpfte,
in den 50 er Jahren nicht geringer wurden, davon mag eine Behauptung
der märkischen Stände vom 27. März 1652 Zeugnis ablegen, daß sie jetzt
11 000 thlr monatlich mehr an Kontribution zahlen müßten, als vor 1648
(ü. und A. X, S. 230).
2) C. C. M. V. II. 2. Kap. Sp. 86 f.
3) C. C. M. V. n. 3. Kap. Sp. 174 ff.
4) Prot, und Kel. U, S. 248.
<)4 Geschichtliche Studien. II. 1.
wenn auch die frühere Höhe nicht wieder erreicht wurde. Die
Stadt produzierte in den Jahren 1621 bis 1623 noch durch-
schnitthch 3232 Halbgebräu Bier, während des Krieges wurde
unter den Jahren, von denen uns die jährhch gebraute
Menge Bieres überhefert ist, 1631 und 1640 mit rund
750 Halbgebräu der größte Rückgang erreicht. Seit 1643
aber stieg die Produktion rasch wieder an, betrug:
1643:
1019 Halbgebräu
1647:
1768 Halbgebräu
1644:
1156 „
1648:
1827
1645:
1361 „
1649:
1973 „
1646:
1624
1650:
1788
und hielt sich die folgenden Jahre auf dieser letzteren Höhe.
Auch der Export fand sich wieder ein, und unter den Län-
dern, wohin die Gardelegener Bier „verführten", wird 1647
das Halberstädtische, Magdeburgische und Lüneburgische ge-
nannt ^). Eine ganz ähnliche Bewegung läßt sich auch in
der Bierproduktion Stendals verfolgen, nur daß hier der
relative Rückgang ein bedeutender war. Während 1621 bis
1623 im Durchschnitt jährlich 1652 Halbgebräu erzeugt
und 1638 bis 1640 der tiefste Stand mit rund 150 Halb-
gebräu erreicht wurde, gelangte die Jahresproduktion 1650
bis 1655 auf 452 und 1655 bis 1660 auf 592 Halbgebräu,
aber noch nicht bis zu ^ 5 der früheren, während die Garde-
legens nach dem Kriege die Hälfte derselben vor ihm be-
trächtlich überstieg.
Da uns die Kämmereirechnungen der übrigen Städte
teils mangelhaft, teils überhaupt nicht erhalten sind, so haben
wir direkte Angaben über den Rückgang von deren Bier-
produktion zwar nicht; wohl aber ließe sich daran denken,
auf indirektem Wege, von den Biersteuern der Städte aus,
zu einer Vorstellung von deren Brauerei vor und nach dem
Kriege zu gelangen. Nun beginnen aber die Rechnungen
des Städtekastens erst 1662 wieder, jedoch befindet sich im
1) B. G. St. Rep. 21. 58. Bericht des Ziesemeisters von 1647 Dez. 29.
Für die Bierproduktion vgl. die Kämmereirechnungen der betreffenden
Jahre; ebenso bei Stendal.
II. 1 . K a p h a h n , Dio wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr, Krieges usw. 65
Gardelegener Stadtarchiv ein Verzeichnis der Abgaben, die
die märkischen Städte an die „Neue Biergeldkasse" seit
1646 zahlten 1). Sie betrugen offiziell seit 1624: 82 tWr
für das Halbgebräu-); jedoch ergibt sich bei näherer
Prüfung, daß der Einheitssatz für die einzelnen Städte
schwankte; Stendal gab knapp 4 thlr, Gardelegen dagegen
nur reichlich 3 thlr von jedem Halbgebräu. Da wir in-
folgedessen nicht wissen können, wie hoch er sich bei
den anderen ^Städten belief, so ist die Ermittlung von
deren absoluter Braumenge ausgeschlossen. Aus den langsam
steigenden Abgaben der Städte läßt sich aber erkennen,
daß auch ihr Braugewerbe, das gegenüber demjenigen
vor dem Kriege infolge der Einwohnerabnahme gewiß
stark zurückging, sich nach dem Kriege bis zu einem
gewissen Grad wieder erholte. Erst im weiteren Verlaufe
des 17. und 18. Jahrhunderts hat sich der Schwerpunkt
der deutschen Bierproduktion vom Norden nach dem Süden,
nach Bayern, verlegt -^j.
Über den Rückgang anderer Nahruugszweige der alt-
märkischen Stadtbevölkerung, namentlich der Tuchindustrie,
sind wir ebensowenig imstande, genaue Angaben zu machen,
da irgend welche Abgaben von den Erzeugnissen nicht er-
hoben wurden und die Schoßkataster der Städte, die uns
über die Zahl der Tuchmacher Auskunft geben könnten, sich
mit Ausnahme von Tangermünde nicht erhalten haben. In
dieser einen Stadt datiert das späteste vor dem Kriege vom
Jahre 1567 und das erste, das uns über die Verhältnisse
nach ihm Auskunft gibt, erst von 1671. Es läßt aber auf
keinen Rückgang des Tuchmacherhandwerks schließen, wenn
wir 1567: 58 Tuchmacher und 1 Gewandschneider (Tuch-
händler), 1671 dagegen 61, bezw. 6 zählen können, wozu noch
8 andere Handelsleute kamen ^) ; und auf dasselbe deuten
1) Das Archiv ist noch ungeordnet, eine nähere Angabe des Stand-
ortes des betreffenden Aktenstücks deshalb unmöglich.
2) U. und A. X, S. 378.
3) Struve, S. 7.
4) 29. Jahresbericht, S. 3ff.
Geschichtliche Studien. U 1. c
66 Geschichtliche Studien. II. 1 .
Ritners Worte hin, der 1651 von den Tangermünder Tuch-
machern rühmte, daß sie „ihr Werk früh und spat treiben,
viele Packen Laken auf Hamburg durch die Kaufleute und
von dannen nicht ein geringes Geld anhero ins Land bringen
lassen" ^). Daß aber auch dem Stendaler Tuchmacher-
handwerk, dessen starker Rückgang feststeht, ein gewisser
Export blieb, kann die Behauptung des Salzwedeler Rates
vom Jahre 1641 beweisen, daß Stendal jährlich viele hundert
Laken über Salzwedel nach Hamburg schickte -). Mag die
Zahlenangabe übertrieben sein, an der Tatsache der Ausfuhr
wird man nicht zweifeln dürfen.
Ebensowenig aber sind die altmärkischen Städte zu einem
völligen Passivhandel herabgedrückt worden, sondern haben
nach dem Kriege noch „Commercien" im In- und Auslande
getrieben. Zahlreiche Belege finden sich dafür, so wenn
Stendal 1643 sich eifrig um die Erneuerung seines Zoll-
privilegs bemühte und die Kaufleute der Stadt 1647 pro-
testierten, als man es mißachten wollte ^). Für Salzwedel
verrät sich dasselbe, wenn 1643 14 Kaufleute der Stadt
und ihre Konsorten dem Kurfürsten klagten, daß der
Oberstleutnant Locatello Locatelli ihnen für 5068 thlr bei
Dömitz Waren abgenommen habe, oder im Jahre 1650,
daß im Lüneburger Land auf den Jahrmärkten von ihnen
außer dem üblichen Zoll eine weitere Abgabe verlangt
1 Eitner, S. 12. — Die Vertreter fast aller übrigen städtischen
Gewerbszweige sind ungefähr entsprechend der Bevölkeruno' in dieser Stadt
an Zahl zurückgegangen: die Schmiede von 11 auf 5, die Müller von 14
auf 8, die Eadmacher von 9 auf 3, die Böttcher von 5 auf 4, die Lein-
weber von 16 auf 5, die Zimmerleute von 5 auf 3, die Schneider von 10
auf 8, die Kramer von 6 auf 5 usw. Nur die Zahl der Schlächter ist
von 2 auf 6, die der Barbiere von 2 auf 3, die der Fischer von 6 auf 14
gestiegen. Ob der agrarische Charakter der Städte, den sie ja auch schon
vor dem Kriege in hohem Maße besaßen, sich durch ihn verstärkt hat,
läßt sich nicht einmal für Tangermünde angeben, da wir wohl wissen,
daß sich hier 1567 31 Ackerbürger fanden, über sie fehlt aber aus der
Zeit nach dem Kriege jegliche Angabe. Vgl. 29. Jahresbericht, S. 3 ff.
2) B. G. St. Eep. 53. 37. Eingabe Salzwedels von 1641 Okt. 29.
3) C. G. M. IV. I. 1. Kap. Sp. 467 f. — Prot, und Eel. IV, S. 20.
IL 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 67
würde ^), oder endlich, wie sie es schon 1640 taten und
1652 wiederholten, daß im Lüneburgischen ihre Güter
mit Beschlag belegt würden ^). Diese letztere Tatsache
weist auch für Seehausen 1651 Handel auf der Elbe
nach ^). Diese Stadt mag daneben ihren Gewinn aus
dem Lokal-, namentlich Viehhandel gezogen haben, der un-
mittelbar nach dem Kriege blühte, als er für das platte Land
galt, die V^erluste zu ergänzen; 1645 ließ sie sich vom Kur-
fürsten die Abhaltung eines neuen Viehmarktes „uf Martini"
bewilligen "*).
Aus alledem ist ersichtlich, daß von einem dumpfen,
apathischen Brüten der Bevölkerung nach dem Kriege in
der Altmark (wie wohl auch anderswo) gar keine Rede sein
kann, daß diese vielmehr rasch wieder voranzukommen suchte.
Und der Genesungsprozeß wäre vielleicht noch schneller
vor sich gegangen, wenn nicht der Neid der Bürger die
Besten unter ihnen an ihrem wirtschaftlichen Vorwärts-
streben gehindert hätte. Martin Rost, ein Bürger Stendals,
trieb in den 40 er Jahren des 17. Jahrhunderts einen be-
deutenden Wollhandel. 1645 hatte er bei Calvörde Wolle
gekauft, und, da es ein Quantum war, das weit über den
Bedarf der Stendaler Tuchmacher hinausging, einen Teil
weiter nach Quedlinburg zu verhandeln gewußt. Doch was
geschah, als er sie dahin „verführen" wollte? Auf der
Straße wurde er vom Rat seiner Heimatstadt angehalten,
aus nichtigen Gründen zur Umkehr gezwungen, und seine
Wolle beschlagnahmt. H. v. d. Knesebeck, der diese An-
gelegenheit untersuchte, war empört über das Vorgehen des
Stendaler Magistrats: Rost bringe monatlich 28 thlr zur
Kontribution auf, woher solle er sie nehmen, wenn ihm
seine Commercia und Nahrung gesperrt würden ? Des ganzen
1) B. G. St. Kep. 21. 156. Eingabe von 1643 Aug. 5. — Prot, und
Rel. IV, S. 325.
2) B. G. St. Rep. 53. 40. Eingabe von 1640 März 17. — Prot, und
Rel. IV, S. 506.
3) Ebenda IV, S. 391.
A) Ebenda UI, S. 209.
5*
()8 Geschichtliche Studien. II. 1.
Landes, insonderheit der Städte Aufnehmen bestände doch
in Handel und Wandel ^). Im Jahre 1649 wurde Rost
des ünterschleifs beim Kaufen und Verkaufen von Wolle
beschuldigt, aber wiederum unbegründet, so daß er „per
sententiam et rem iudicatam" v^on dem Vorwurf frei-
gesprochen wurde -).
1) B. G. St. Eep. 21. 155. Bericht von 1645 April 3.
2) Prot, und Eel. IV, S. 269, 547.
Drittes Kapitel.
Die wirtschaftlichen Folgen des 50 jährigen Krieges
für das platte Land der Ältmark.
Wenn wir entsprechend der Untersuchung für die Städte
damit beginnen, den Bevölkerungsabgang festzustellen, den
platte Land der Altmark im Laufe des 30jährigen Krieges
erlitten hat, wird es zuerst vonnöten sein, das Gebiet,
über das sich die Ermittlungen erstrecken sollen, in groben
Zügen geographisch zu umreißen.
Die Grenzen der Altraark sind zu einem großen Teil
natürliche: im Osten die Elbe, über die sie nur östlich
von Stendal in einem schmalen Streifen hinübergriff, so
daß Schönhausen, der Geburtsort des Fürsten Bismarck,
zu unserem Gebiete gehört; im Westen der erst in den
Tagen Friedrichs des Großen urbar gemachte Drömling und
weiter nördlich die Ohre, im Süden die Letzlinger Heide,
und der in früherer Zeit bei weitem größere Tangerwald ;
im Norden endlich läuft sie in dem früher sumpfigen Gebiet
zwischen Salzwedel und Lüchow hin, um sich weiter im
Osten in nordöstlicher Richtung der Elbe zuzuwenden ^).
Das Erste nun, was es für die Erforschung der Ein-
wohnerabnahme auf dem platten Lande festzustellen gälte,
wäre, ob nicht ganze Dörfer dem Kriege zum Opfer fielen,
ob nicht die Wüstungen, die man in der Altmark wie in
anderen deutschen Gegenden antrifft, ihre Entstehungsursache
in dessen „verheerenden" Wirkungen haben. Dieser Auf-
1) Zahn (1909), S. I.
70 Geschichtliche Stiulieu. II. 1.
gäbe sind wir aber durch diesbezügliche Untersuchungen
W. Zahns überhoben '). Wie überall da, wo an die Stelle
der Volksübcrliefernng die exakte wissenschaftliche Forschung
getreten ist, hat es sich auch für die Altmark herausgestellt,
daß der 30 jährige Krieg absolut keinen Anteil an der Ent-
stehung der Wüstungen hat; denn auch für Bürs (bei Arne-
burg), dessen Wüstwerdung Zahn auf einen Überfall im
30jährigen Krieg zurückführen zu müssen glaubt ^j, trifft
dies nicht zu ; in einer Beschreibung der kurfürstlichen Amts-
gebäude in Arneburg vom April 1652 heißt es vom Vor-
werk und Schäferei „Bürisch", daß Schäferhaus und Schaf-
stall in gutem Zustande seien, Scheune und Viehstall da-
gegen ausgebessert werden müßten "). Wenn der Ort über-
haupt wüst ward, so daß im 18. Jahrhundert ein völlig neues
Vorwerk errichtet werden konnte, so muß es später geschehen
sein. Wohl sind viele Ortschaften im Kriege abgebrannt
sie wurden aber sämtlich wieder aufgebaut ^).
Für die Ermittlung des Bevölkerungsrückganges auf
dem platten Lande der Altmark ^) stehen uns wiederum zwei
Quellenarten zur Verfügung: die Kirchenbücher und
die Beschreibungen der kurfürstlichen Amter
aus der Zeit nach dem Kriege. Aber war schon in den
Städten das Material für statistische Untersuchungen mangel-
haft, so daß es nur auf Umwegen gelang, ein vollständiges
1) Ebenda.
2) Ebenda, S. 30.
3) M. St. Eep. A. 23«=. Amt Tangermünde Nr. 516.
4) Die weitaus meisten Wüstungen entstanden vom 13. bis 15. Jahr-
hundert und zwar aus verschiedenen Ursachen. Zahn, S. XXIf. führt
deren an : schlechte Lage der Äcker und unfruchtbaren Boden , der den
Bauern ihr Auskoramen nicht gewährte, so daß sie den alten Herd ver-
lassen und sich eine neue Heimat suchen mußten; Elementarereignisse,
wie Überschwemmungen im Osten; endlich glaubt Z. Wüstungen auf
Kriege und Fehden zurückführen zu müssen, die in jenen Jahrhunderten
ebenso zahlreich wie harbarisch in der Altmark geführt worden seien;
Seuchen und Hungersnöte dagegen seien unbeteiligt geblieben.
5) In dieses einbezogen sind auch die Flecken, Mediatstädte, zu
denen z. B. Bisraark und Beetzendorf gehören.
II. 1. Kaphahn , Die wirtschaftl. Folgen d. 30jähr. Krieges usw. 71
Bild zu gewinnen, so tritt der fragmentarische Charakter der
Quellen für das Land in noch bedeutend höherem Maße
hervor; denn von den ca. 570 Flecken, Dörfern und Vor-
werken, die die Altmark gegen Beginn des 30jährigen Krieges
umfaßt haben mag ^), liegen uns nur von 100 Nachrichten
über den Bevölkerungsrückgang vor. Auf dessen exakte
Feststellung für das platte Land müssen wir darum von
vornherein verzichten ; höchstens, daß wir uns am Ende durch
eine vorsichtige, mit allem Vorbehalt geäußerte Abwägung,
ein Gesamtbild zu machen versuchen.
Glücklicherweise sind aber die Orte, von denen wir Nach-
richten haben, nicht über das gesamte Gebiet verstreut, son-
dern konzentrieren sich auf einzelne, unter sich wieder zu-
sammenhängende, kleinere Teile der Altmark, so daß wir von
diesen ziemlich genaue Angaben machen können. Sie bilden
ein mittleres Gebiet, das eine leise nach Westen ausgebuchtete
Linie, die in Salzwedel anhebend Beetzendorf berührt und
zwischen dem Drömling und Klötzer Forst weiter südlich
verläuft, von einem kleineren \vestlichen, und eine solche,
die einige Kilometer nordöstlich von Arendsee beginnend
südlich nahe an Bismark vorbei bis zur Letzlinger Heide
führt, von einem größeren östlichen abscheidet.
Die neun Kirchenbücher, die sich aus diesem Gebiete
erhalten haben, ergeben ausgezählt folgendes Bild:
Flechtlingen, Hasselbergf, Roxförde, Letzlingen, Kloster Neuendorf,
Hilgesdorf, Damsendorf Wannefeld, Clüden Jävenitz, Zienau
Getr. Getaufte Rückgang Getr. Getaufte Rückgang Getr. Getaufte Rückgang
1621-25
— 26,0 % — 17,0 %
—
11,2
1646-50
3,0 15,0 2,6 15,0
2,0
8,6
1651-55
3,2 13,4 3,0 15,0
2,8
9,0
1656-60
3,2 14,oll2,3 52,5 2,6 15,2ll4,5 14,7
1,8
9,0 8,9 20,2
8,6
1661-65
3,0 9,6] 2,6 13,2
2,6
1666-70
4,0 7,2 (?) 2,4 15,6
2,0
8,1
1) Nach Zahn (1909), S. 469 ff., Tabelle 3. Bei der Zählung blieben
ausgeschlossen : Einzelhäuser mit besonderen Namen und selbstverständ-
lich alle Gründungen aus späterer Zeit; als solche wurden alle Kolonien
angesehen , dagegen wurden alle Vorwerke ohne ausdrücklichen Vermerk
späterer Gründung mitgerechnet.
72 Geschichtliche Studien. II. 1.
Zethlingen, Güssefeld, Vietzen, Benkendorf, Llesten,
Cheinitz Bühne Depekolk, Zierau,
Jeggeleben
Getr. Getaufte Rückgang Getr. Getaufte Rückgang Geir. Getaufte Rückgang
1621-25 — 7,0 % — 10,4 % — 9,6 7o
1646-50 1,8 6,2
1651-55 1,8 5,8
1,8 5,81
M 3,8^'S 31,4
1656-60 1,1 3,8/"'" "^"'^ 2,0 7,6V 7,9 24,0 1,4 9,0^8,0 16,7
1661-65 1,1 ? 2,2 6,6)
1666-70 2,0 ? 2,6 7,0
Beetzendorf, Audorf, Kuhfelde, Valfitz,
Siepe, Jeetze Käckelltz, Wöpel, Seetzen,
Siedengrieben Siedenlangenbeck
Getr. Getaufte Rückgang Getr. Getaufte Rückgang Getr. Getaufte Rückgang
1621-25 — 9,0 % — 19,4^) % —
1646-50 2,2 8,6 ? ?
1651-55 2,2 5,61 ? ?
' %5 38,9
,61..
5,0 20,0/"^"'^
1666-70 2,2 7,6 5,3 22,4 ^^"""^
1656-60 1,8 5,4/''''" ^"''' 4,2 21,0\
1661-65 1,8 6,8 5,0 20,0f ^^'^ ^''^
—
19,0')
7o
'i
20,0
?
15,2
?
15,oll4,5
23,7
•p
13,2
An den Taufzahlen können wir nun ganz dieselben Beob-
achtungen machen wie bei den Städten: einmal, daß viele
und die meisten Orte Ende der 40er Jahre noch Einwohner
abgaben, andere (wie die Parochie Kloster Neuendorf) deren
aufnahmen; zum anderen aber, daß wiederum die niedrigsten
Taufzahlen sich Ende der 50 er, ja Anfang der 60 er Jahre
finden, daß der wirtschaftliche Druck des Krieges auch hier
seine späten Folgen zeigte. Wir müssen darum, wenn wir
den Bev^ölkerungsabgang annähernd richtig bestimmen wollen,
den Durchschnitt der 50 er, ja mitunter bis zur ersten Hälfte
der 60er Jahre nehmen. — Tun wir dies, so kommen wir
für alle diese Dörfer auf 128,6 Taufen vor dem Kriege und
96,9 Taufen nach dem Kriege, also einen Gesamtverlust von
rund 25 "o-
Der Rückgang der meisten Parochien liegt auf der un-
gefähr gleichen Höhe. Einzelne dagegen weichen stark ab.
1) Von 1616 bis 16201 Die Zahlen des letzten Jahrfünfts vor dem
Kriege sind nioht erhalten.
II. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30jähr. Krieges usw. 73
Der außerordentliche Bevölkerungsverlnst in Flechtlingen
und den dazu gehörigen Vorwerken einerseits findet vielleicht
darin seine Erklärung, daß die Pest von 1626 von den etwa
750 Einwohnern die abnorme Zahl von :^06 hinwograffte;
andererseits scheint der geringe Abgang in der Parochie Rox-
förde seinen Grund in den geringen Wirkungen derselben
Pest zu haben, indem hier in den Jahren 1625 und 1626 von
den rund 560 Einwohnern nur 85, d. h. nur etwa 55 mehr als
gewöhnlich starben. Wir werden auf die Ursachen der Ein-
wohnerabnahme noch eingehender zu sprechen kommen. Für
die Bevölkerungszunahme in den zur Kirchgemeinde Beetzen-
dorf gehörigen Dörfern aber ist darauf hinzuweisen, daß die
Dörfer in den Jahren 1601 bis 1605: 24,2, in den Jahren
1606 bis 1610: 24,4 jcährliche Taufen zählten, durch die Pest
von 1611 — auch das platte Land wurde von ihr schon
im 16. und beginnenden 17. Jahrhundert heimgesucht —
jedoch so stark getroffen wurden , daß sie deren Wirkungen
bis zum Beginn des Krieges noch nicht überwunden hatten.
Von den wüsten Stellen, die es zweifellos in den Dörfern
schon vor dem Kriege gab, müssen wir uns nach dem Kriege
einige neu besetzt denken. Übrigens läßt sich die Beob-
achtung eines Rückgangs der Taufzahlen schon im beginnen-
den 17. Jahrhundert in fast allen Dörfern machen, von denen
wir diesbezüghche Kunde haben; am deutlichsten in Zeth-
lingen und Cheinitz, wo der jährliche Taufendurchschnitt
1601 bis 1605: 10,2, 1606 bis 1610: 10, 1611 bis 1615:
9,4, 1616 bis 1620: 8, 1621 bis 1625: 7, ferner in Jeetze
und Siepe, wo er 1601 bis 1605: 12,4, 1606 bis 1610:
13,2, 1611 bis 1615: 10,6, 1616 bis 1620: 11,8, 1621 bis
1625: 9, in Roxförde, Letzlingen, Wannefeld und Clüden,
wo er 1606 bis 1610: 21,6, 1621 bis 1625: 17, in Kuh-
felde, Valfitz, Wöpel, Seetzen, Siedenlangenbeck, wo er 1601
bis 1605: 22,6, 1606 bis 1610: 21,8, 1611 bis 1615: 19,
1616 bis 1620: 19 beträgt; während man in Kloster Neuen-
dorf, Jävenitz und Zienau mit 1611 bis 1615: 8, 1616 bis
1620: 11,8, 1621 bis 1625: 11,2 jährlichen Taufen im
Durchschnitt eine allmähliche Zunahme konstatieren kann.
74 Gescliiditliche Studien. II. 1.
Diesen Rückgang aber hat unmöglich die Pest ver-
ursacht, da in diesem Zeitraum die genannten Dörfer nach-
M'eish'ch nicht von ihr heimgesucht wurden, oder wie Zeth-
lingen und Cheinitz 1611 ganz unbedeutend; vielmehr
dürften sich hierin die Folgen des Bauernlegens oder des
Abzugs der Bauern in die Städte zeigen, von denen wir ja
wissen, daß sie vor dem Kriege die Folgen der Seuchen
nicht allein aus eigner Ergänzung, sondern auch durch Zuzug
vom Lande überwunden haben.
Mit dieser Tatsache macht sich aber zugleich auch ein
kritischer Einwand gegen die Brauchbarkeit unserer zweiten
Qnellenkategorie, der Amterbeschreibungen, geltend, die aus
der Zeit nach dem Kriege auf uns gekommen sind. Da in
ihnen nicht zwischen den wüsten Höfen geschieden ist, die
schon vor dem Kriege bestanden, und denen, die erst im
Laufe desselben entstanden sind, so muß, wenn wir mit
Hilfe dieser Verzeichnisse an der Zahl der in ihnen auf-
geführten wüsten Höfe den Bevölkerungsrückgang fest-
stellen wollen, der im Laufe des Krieges entstandene Ab-
gang immer etwas kleiner als der ermittelte gewesen sein.
Da aber die durchschnittliche Bewohnerzahl eines Bauern-
gutes infolge der Dünnschichtigkeit der 10 bis 20jährigen
nach dem Kriege eine geringere als vor ihm war, welchem
Umstand die Verzeichnisse wiederum nicht Rechnung tragen,
so kann dieser Fehler, der in seiner Wirkung dem früheren
entgegengesetzt ist, füglich in Ausgleich mit jenem gesetzt
werden.
Aus den Zahlen der Kirchenbücher können wir ersehen,
daß es in den 50er Jahren noch zu keiner Einwohnerzunahme
in der mittleren Altmark gekommen ist; darum wird eine
Beschreibung des Amtes Neuendorf von 1661 die Verhält-
nisse kaum anders wiedergeben als man sie nach dem Kriege,
d. h. natürlich zu einer Zeit, da man bei Wiedereintreten
geordneter Verhältnisse den dauernden A^erlust feststellen
konnte, angetroffen haben wird ^).
1) M. St. E'^p. A. 23. Abt. V. Amt Neuendorf Nr. 3.
U. 1. Kaphalin, Die wirtschaftl. Folgen d. SOjähr. Krieges usw. 75
Hier befanden sich aber:
vor dem Kriege
Ackerleute Kossäten
14
11
11
7
12
6
5
5
5
4
in:
Lüf fingen
7
Hemstädt
12
Aigenstadl
15
Kassieck
13
Seethen
7
Laatzke
4
Jävenitz
9
Zienau
9
Schwiesau
16
Wannefeld
12
Roxförde
9
113
80
nach dem Kriege
Ackerleute Kossäten
5
11
14
13
7
3
14
12
9
13
10
11
7
10
6
4
104
67
Daraus ersieht man, daß der ganze südöstliche Teil des von
uns abgegrenzten, mittleren Gebietes der Altmark mit der
Parochie Roxförde den geringen Abgang teilt, wenn hier an
Ackerleuten ein Verlust von nur 8 *'/o, an Kossäten von
16,25 *^/o oder, wenn wir beide Bevölkerungsklassen für die
Feststellung des Einwohnerrückgangs als gleichwertig zu»
sammenfassen 1), ein Gesamtrückgang von 11,4 ^/o zu ver»
zeichnen ist.
Stärker als im Süden und in der Mitte des ausgeschiedenen
Gebietes der Altmark war die Bevölkerungsabnahme im
Norden, worüber uns eine Beschreibung des Amtes Arendsee
vom 1. Juli 1656 Aufschluß gibt 2).
1) Dies ist freilich nicht ganz richtig; denn die Kopfzahl eines
Hüfnergutes war durch das Gesinde größer als die eines Kossätenhofes,
auf dem nur selten ein Knecht oder eine Magd oder ein Dienstjunge be-
schäftigt wurden. Da wir aber das Größenverhältnis nicht kennen, müssen
wir diesen Unterschied vernachlässigen.
2) M. St. Kep. A. 23 c. Amt Arendsee, Nr. 220, Bl. 15.
76
Geschichtliche Studien.
II.l.
Es wohnten
„für
alters"
„ani
tzo"
in:
Hüfner
Kossäten
Hüfner
Kossäten
Leppin
16
9
11
3
Gentzien
11
3
8
1
Neulingen
13
1
7
1
Gagel
10
7
7
5
Heiligenfelde
11
3
5
3
Tielbeer
14
6
9
3
Sänne
8
3
7
2
Kraatz
6
4
3
2
Kaulitz
17
11
13
7
Schräm pe
—
15
—
11
Kladen
8
5
2
1
Ziesau
—
14
—
12
Binde
13
2
2
1
Gestien
—
13
• — -
6
Zehren
—
11
—
5
Ziemendorf
—
27
—
9
Zülen
7
2
7
1
Listen
7
1
5
1
141
137
86
74
Die Hüfner nahmen also um 39 "^'o) ^^^ Kossäten um
46 %, beide zusammengenommen um 42,5 ^/o ab.
Wir sehen, daß schon in diesem kleinen Gebiete starke
lokale Nuancen im Rückgang anzutreffen sind, daß
neben einer geringen Abnahme im Süden eine größere
im Norden steht. Setzen svir diese beiden Teile in Aus-
gleich, so kommen wir auf einen Gesamtrückgang von
30%, den ungefähr gleichen Prozentsatz, der sich für die
Dörfer ergab, von denen uns die Kirchenbücher erhalten
sind.
Am Ende erhebt sich nun die Frage nach dem Bevölke-
rungsverlust der ganzen mittleren Al<^^mark. Sie umfaßt etwa
190 Flecken, Dörfer und Vorwerke, jedoch nur für 57 haben
II. 1. Kapbabn, Die Wirtschaft!. Folgen d. SOjähr. Krieges usw. 77
wir einigermaßen exakte Ermittlungen anstellen können.
Da aber diese über das Gebiet fast in seiner ganzen Aus-
dehnung verbreitet sind, so erhält die Vermutung einen
hohen Grad von Wahrscheinlichkeit, daß der Rückgang
des Teils sich mit dem des Ganzen deckt, d. h. also, daß
er für den gesamten mittleren Teil der Altmark 25 bis
30 ^/o beträgt.
Für das westliche Gebiet haben wir leider gar keine
unmittelbaren, statistischen Nachrichten über die Einwohner-
abnahme. Daß sie aber auch hier nicht bedeutender, ja noch
geringer als im mittleren war, das scheint eine Nachricht
des kurfürstlichen Amtmanns zu Diesdorf aus dem Jahre
1668 anzuzeigen. Der abgegrenzte westliche Teil der Alt-
mark umfaßte etwa 100 Dörfer und Vorwerke und von 29,
die zum Amt Diesdorf gehörten, gibt er an, daß in ihnen
28 Höfe, die im Laufe des Krieges wüst geworden, schon
wieder angebaut seien. Von 52 anderen Gütern aber heißt
es, daß „die meisten . . . schon vor dem Kriege wüst gewesen
sein" 1). Daraus geht hervor, daß in jedem Dorf durch-
schnittlich wenig mehr als ein Gehöft dem Kriege zum
Opfer fiel. Vor diesem zahlten nun in 25 dieser Dörfer
192 Bauern, in jedem also durchschnittlich 7,7 Geld- resp.
Kornzins -). Bei der Annahme, daß diese ihre gesamte
Einwohnerschaft bildeten-^), ergäbe sich für die 25 Orte ein
1) Ebenda, Rep. A. 23 c. Amt Diesdorf, Xr. 193, Bl. 87 ff.
2) Ebenda, Kep. D. Amt Diesdorf, Xr. 425 (Geldrechnung von Mich.
1616/17) und Xr. 362 (KornrecbnuDg von Mich. 1623,24). Es sind die
Orte: Abbendorf, Hilmsen, Reddigau, Siedendolsleben , Hohendolsleben,
Kortenbeck, Fahrendorf, Molmke, Jübar, Hauum, Bornsen, Drebenstcdt,
Dankensen, Scbadewohl, Diesdorf, Höddelsen, Eickhorst, Schmülau, Markau,
Winkelstedt, Dähre, Dülseberg, Darendorf, Mahlsdorf und Memke. Da-
gegen sind bäuerliche Abgaben aus Wiewohl, Eustenbeck, Melhn und
Wiersdorf, die der Amtmann noch nennt, in den Rechnungen nicht auf-
zufinden gewesen.
3) Es besteht die Möglichkeit, daß in manchen Dörfern nicht alle
Einwohner dem Kurfürsten, sondern anderen Gutsherren zinspÜichtig
waren, so daß ihre Einwohnerzahl noch größer und dementsprechend
der prozentuale Rückgang im Kriege noch geringer war.
78
Geschichtliche Studien.
n.i.
Rückgang von 15 bis 20 7o ""^ derselbe für das gesamte
westliche Gebiet, wenn wir dieses in ihnen repräsentiert
erblicken dürfen.
Viel beträchtlicher ist dagegen der Bevölkerungsabgang
in der östlichen Altmark gewesen ; wenigstens weisen alle die
wenigen uns erhaltenen Notizen darauf hin. In Bismark
trifft man im Jahresdurchschnitt an:
1621 bis 1625
1646 bis 1650
1651 bis 1655
1656 bis 1660
1661 bis 1665
1666 bis 1670
23,2
9,1
10,6
9,8
9,8]
13,4
10,1
Taufen, oder einen Rückgang von 56°/o; in den Dörfern,
die in diesem Gebiete zum Amte Neuendorf gehörten,
wohnten :
m:
Querstedt
Volgfelde
Börgitz
Staats
oder nach dem Kriege 59% weniger als vor ihm ^); im
Amte Arneburg endlich wurden Untertanen gezählt:
r dem
K
riege
1661
Ackerleute Kossäten
Ackerleute Kossäten
10
5
6
4
12
11
3
5
6
8
2
4
8
10
4
7
36
34
15
20
vor dem Kriege
in : Ackerleute Kossäten
Neuendorf a. Speck 10 10
Düsedau 11 12
Staffeide 8 1 1
Arneburg 8 11
zu übertragen: 37
44
1652
Ackerleute Kossäten
10 3
10 7
5 3
6 3
31
16
1) Tgl. S. 74, Anm. 1.
II. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw.
79
r dem
K
riege
1652
Ackerleute Kossäten
Ackerleute Kossäten
g: 37
44
31
16
5
4
2
—
7
11
2
6
8
4
8
4
4
3
1
1
?
9
—
—
12
14
6
6
4
4
18
—
3
3
—
6
—
6
—
87
98
59
36
in: Uberti
Beelitz
Baben
Klein-EUingen
Alt-Bertkow
Polkritz
Hindenburg
Rohrbeck
Niedergiesenslage
Obergiesenslage
ßerendorf
Nach dem Kriege war die Zahl der Ackerleute um 35,6 '^/o,
die der Kossäten um 68,4 %, oder insgesamt um 53 %
vermindert ^).
Bei diesen kümmerlichen Nachrichten, die allein uns vom
östlichen Teile der Altmark vorliegen, muß eine Abschätzung
des Bevölkerungsverlustes des gesamten Gebietes selbstver-
ständlich stets unsicher bleiben. Aber die erwähnten Dörfer
der östlichen Altmark gehören einem Gebiete an, das ohne
Zweifel am meisten im Kriege gelitten hat, auf dem sich
die Operationen der Kaiserlichen gegen Fuchs, die der
Schweden gegen die Kaiserlichen abgespielt haben, das Ende
der 30 er Jahre stark heimgesucht wurde und das die
Torstensonsche Einquartierung in gleicher Weise wie den
Westen, der Durchzug der Gallasschen Völker dagegen in
erster Linie traf, so daß die Vermutung eines Gesamt-
1) M. St, Rep. A. 23 c. Amt Tangerraünde, Nr. 516. Das Verzeichnis
enthält auch noch Angaben über Schwarzholz, Kakelitz, Krusemark,
Eecgerslage, Vorwerk von Werben, Busch und Altenzaun, wo neben dem
Kurfürs-ten Adelige Dienste und Abgaben zu fordern hatten. Die Mit-
teilungen sind aber flüchtig und oft unbestimmt, zu einer statistischen
Verwendung jedenfalls ungeeignet.
80 Geschichtliche Studien. II. 1-
Verlustes von 50 bis 60 ^'o für das gesamte östliche Gebiet
bestimmt nicht zu niedrig gegriffen ist. Ausgeschlossen er-
scheint aber selbst hier ein solcher von 75%, wie ihn
Meinardus für das ganze platte Land der Mark vermutet^);
für das der gesamten Alt mark gewinnt dann endlich unter
der Voraussetzung, daß die durchschnittliehe Größe jeder der
etwa 280 Siedlungen der östlichen, der rund 190 der mitt-
leren und der gegen 100 der westlichen Altmark die ungefähr
gleiche war, die Annahme eines Verlustes von ca. 40 % der
früheren Bevölkerung eine ziemliche Wahrscheinlichkeit.
Es erhebt sich auch hier die Frage nach den Ursachen.
Bei dem geringen Quellenmaterial lassen sich wohl Krieg,
Auslaufen der Einwohner und, wie wir schon sahen, deren
geringere Erholungsfähigkeit von den AA'irkungen der Pesten
zur Kriegszeit, als solche nachweisen, nicht aber die Be-
deutung der einzelnen Faktoren für die schließliche Gesamt-
wirkung gegenseitig abschätzen.
Zum Beweis für das Gesagte sei folgendes angeführt.
Die Kirchenbücher weisen zwar darauf hin, daß durch Mord
und Waifentod kein bedeutender Abgang verursacht sein
kann; denn nur in den seltensten Fällen enthalten sie die
Nachricht, daß die Soldaten sich am Leben der Bauern ver-
gangen haben ; aber mit Recht läßt sich dagegen einwenden,
daß dies oft geschehen sein kann, ohne daß jemand davon
erfuhr, und die Quellen ja nur den mittleren Teil der Alt-
mark umfassen, vor allem den Osten nicht, der den be-
deutendsten Verlust erlitt. Und ganz ähnlich steht's mit
den Pesten, die sämtliche Dörfer 1626 (8) und 1636 (7)
heimgesucht haben. In keiner Dorfgruppe läßt sich zahlen-
mäßig die Wirkung von Seuchen aus der Zeit vor dem
Kriege mit der in ihm vergleichen; in den meisten Orten
reicht die Tradition überhaupt nicht so weit zurück, oder,
wenn dies der Fall ist, sind sie teils verschont geblieben,
teils fehlt dann die Überlieferung aus den 20 er und 30 er
Jahren des 17. Jahrhunderts.
1) Meinardus, S. CXXIV.
II. 1. Kaphahn , Die wir tschaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 81
In der Parochie Kuhfelde, der einzigen, in der wir die
Wirkung der Pest von 1598 und der von 1626 erkennen
können — 1611 (1612) blieb der Ort verschont und für
1636 (1637) läßt uns auch hier die Kirchenbuchüberlieferung
im Stich — ergibt sich nun zwar eine Gleichmäßigkeit, in-
dem in den beiden Jahren die Zahl der Toten die der in
den vergangenen Jahren durchschnittlich Geborenen Simal
übertraf; aber die einzelne Beobachtung kann um so weniger
zur Regel erhoben werden, als die Zahl der Opfer an
manchen Orten relativ viel größer war, in der Parochie
Flechtingen 1626 z. B. das 13^ fache der Tauf zahl früherer
Jahre erreichte*, und wir nicht wissen, ob auch schon im
16. und beginnenden 17. Jahrhundert so hohe Verluste zu
verzeichnen waren.
Läßt sieh danach mit Sicherheit nicht entscheiden, ob
zu der geringeren Erholungsfähigkeit der Bevölkerung von
den Seuchen im Kriege — wir haben sie schon in ihren
späten Folgen in den 50 er und beginnenden 60 er Jahren
kennen gelernt — ein verstärktes Auftreten der Pest hinzu-
kam, so auch nicht die Bedeutsamkeit des dritten Faktors
für die Einwohnerreduktion erkennen: der Auswanderung
der Bauern, der Verwandlung des seßhaften in einen das
Land durchstreifenden Landmann, die der Krieg bewirkte.
Fluktuierende Bevölkerung war ja zur Zeit des Krieges
nichts neues. Wir kennen sie aus dem 16. Jahrhundert,
wie sie dann im 17. durch die gardenden Landsknechte
einen starken Zufluß erfuhr, der sich vergrößerte, als Truppen
ins Land kamen und die „übel disziplinierte Soldateska"
plündernd und rauben ddas Land durchstreifte. Dadurch ge-
schah es aber, daß ein großer Teil der Bauern in eine gleiche
Lebenshaltung gedrängt wurde, indem manche aus Furcht
vor den Soldaten Haus und Hof verließen und, sei es in die
Stadt — wie es uns für 1626 und 1637 z. B. für Stendal be-
richtet wird ^) — , sei es in den nächsten Wald oder in andere
sichere Gegenden flüchteten, aus denen sie freilich zum
1) B. G. St. Eep. 21. 155. Eingabe von 1626 Okt. 19. — Kit ner, S. 53.
Geschichtliche Stadien. U. 1. g
82 Geschichtliche Studien. ü. 1.
großen Teil bei eingetretener Sicherheit zurückkehrten, um
gegebenenfalls von neuem zu fliehen und heimzukehren, so
daß, wie auch anderswo, in der Altmark diese Bevölkerungs-
bewegung eine gewisse Regelmäßigkeit annahm ^). Manch
einer blieb der Heimat aber auch fern, sei es, daß er sich in
andere Länder wandte auf Nimmerwiederkehr 2), sei es, daß
er mit einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung während der
Kriegsnöte in dauernder Bewegung verharrte und erst in den
Jahren unmittelbar nach dem Kriege eine feste Siedelstätte,
mitunter wieder im alten Dorfe, oft aber auch in anderen Gegen-
den des Territoriums fand. Es kam mithin im Kriege nicht
nur zu einer territorialen, sondern auch zu einer regionalen
Umschichtung der Bevölkerung^). Die Kirchen-
bücher zeigten, daß die endenden 40 er Jahre noch erfüllt sind
von dieser Bewegung, daß es in dieser Zeit — und auch
weiterhin — zu einem starken Einwohnerausgleich kam.
Will man darum die bleibenden Wirkungen des Krieges er-
kennen, so muß man die Verhältnisse für den Beginn der
50 er Jahre prüfen, d. h. für eine Zeit, da die Bevölkerung
zum großen Teil wieder zur Ruhe gekommen war, die fluk-
tuierenden Elemente sich wieder auf ihr Normalmaß ver-
mindert hatten, da die Entwicklung der seßhaften Einwohner,
wie wir sie in den Kirchenbüchern verfolgen können, wieder
regelmäßige Formen anzunehmen begann.
1) Vgl. Erdmannsdörffer, S. 103. — Ein ^tes Beispiel aus der
Altmark bietet der Flecken Bismark. Hier lief die Bevölkerung das erste
Mal 1637, dann 1642 ins Kawitzer Holz aus, 1644 ein drittes Mal (vgl.
das Kirchenbuch des Fleckens).
2) Die schon erwähnten Klagen über Untertanenauswanderung vom
Jahre 1640 (U. und A. X, S. 81) wurden auch vom Adel vorgebracht!
3) Anfang 1649 fanden sich z. B. zu den Höfen in Crosigk und
^stedt (bei Gardelegen) alte Besitzer wieder ein, daneben aber auch neue
(B. G. St. Rep. 53. 10), und die Beschreibung des Amtes Ameburg von
1652 verrät, daß sich hier viele Marker aus anderen Gegenden, aber auch
Fremde aus Holstein, Friesland und Bremen angesiedelt haben (siehe
S. 79, Anm. 1); für die gesamte Mark vgl. Groß mann, S. 69 f.; für die
näheren Umstände der Ansiedelung von 70 friesischen Familien im Amt
Tangermünde 1649 Breysig, S. 250—252.
II. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. SOjähr. Krieges usw. 83
Was war nun aber der Bevölkerung, die den Krieg über-
dauerte, an Hab und Gut geblieben? Ebensowenig wie bei
der Ermittelung der gleichen Verhältnisse in den Städten
eignet sich hierzu der indirekte Weg über den Verlust. Denn
abgesehen davon, daß wir von den Ordinarkontributionen der
Bauern in Geld und Naturalien ^) keine irgendwie zuläng-
lichen Nachrichten haben, hatten diese auch bei weitem mehr
unter den Plünderungen und Brandschatzungen durch-
marschierender und marodierender Soldaten zu leiden, deren
Kosten sich einer Berechnung natürlich vollständig entziehen.
Schon 1627 heißt es von den Dänen, daß sie von den
kurfürstlichen Untertanen allerhand Viktualien, Brot, Bier,
Fleisch , Futter verlangten und fortschleppten ^), 1631 von
marodierenden schwedischen und brandenburgischen Soldaten,
daß sie die Einwohner übel traktierten und ihnen das Klein-
und Großvieh abnähmen^), und ebenso 1641, daß trotz des
Waffenstillstandes mit den Schweden, deren Soldaten raubten,
plünderten, Vieh und Pferde wegtrieben ^). In der zweiten
Hälfte der 20 er Jahre mochten diese Plackereien noch er-
träglich sein und die Salvaguardien, die einzelnen Bauern-
schaften gegen die räuberischen Soldaten gegeben wurden,
einigen Schutz gewähren, in den endenden 30 er Jahren aber
mußten die Bauern zur Eigenhilfe greifen. Die am Dröm-
ling waren die ersten, die sich zur Gegenwehr setzten ; sie
fanden bald Nachfolge im ganzen Lande °). Sie bewaif-
neten sich und stellten sich unter Rottmeister; sie erklärten
den Soldaten den Krieg, setzten ihnen nach, wenn diese sie
1) Daß sie auch diese nicht immer von der eignen Habe leisteten,
zeigte die Besichtigung der vier kurfürstlichen Amter Arendsee, Diesdorf,
Salzwedel und Neuendorf im Jahre 1633. In den Wäldern der drei erst-
genannten hatten neben den Soldaten auch die Bauern (und Bürger von
Arendsee und Salzwedel) Bäume gefällt, sie in Salzwedel oder an anderen
Orten verkauft und mit dem Erlös oder direkt mit Holz ihre Geld-
leistungen bezahlt. B. G. St Kep. 53. 9. Bericht von 1633 Sept. 13.
2) C. CM. III. IL Sp 31 ff.
3) C. C. M. UI. 11. Sp. 35 ff.
4) C. C. M. III. I. Sp. 29 ff.
5) Götze, S. 481.
84 Geschichtliche Studien. II. 1.
beraubt hatten und ließen nicht eher ab, als bis sie das Ihre
zurückerhielten. Eine anschauliche Schilderung von diesem
neuen Verhältnis zwischen Bauer und Soldat gibt ein Brief,
den Elias v. Alvensleben auf Isernschnibbe an seinen Vetter
Valentin auf Erxleben am 3. März 1638 schrieb ^). Ein
Regiment Soldaten war nach Weteritz, dem Besitz derer
V. Alvensleben, gekommen und stritt sich mit der Salva-
guardia um Quartier. „Weil nun die Guardia sie nicht zu-
lassen wollen", heißt es dann weiter, „kommen ein 300 Bauern
angezogen; wie sie (die fremden Soldaten) solches ver-
nommen, sein sie fort nach Ackendorf gezogen, die andern
haben sich nach Berge und Estedt gelegt; die Bauern aber
liegen zu Weteritz auf dem Hofe. Die salva guardia hat
solches alsofort dem Oberstwachtmeister berichtet, welcher
ihr befohlen, sie bis morgen liegen zu lassen; mit dem Tage
aber sollten sie vor Garleben (Gardelegen) sein, allda das
Regiment vorüber marschieren würde . . ., sollte ihnen allda,
was ... den Bauern abgenommen, wiedergegeben
werden." Doch nicht allein dies erreichten sie, sie haben
es zum guten Teile bewirkt, daß die sächsisch -kaiserliche
Armee um die Wende des Jahres 1638 die Altmark verließ -).
Im Jahre 1642 haben sich die Bauern noch einmal gegen die
Soldaten erhoben; nicht aus Mutwillen und Frevel, wie ihr
Rottmeister berichtete, sondern aus Jammer und Elend über den
Raub der Schweden, und daß sie Dörfer anzündeten, hätten sie
Gewalt mit Gewalt vergolten, diesen ihre Pferde abgenommen,
die vorher Bauernpferde gestohlen ^). Aus derselben Zeit
melden die Brüder v. d. Knesebeck, daß die Einwohner der
ganzen Landreiterei Salzwedel vor den Schweden ausgerückt
seien, um das Vieh zu salvieren, und dasselbe wenige Tage
später für die Gegend um Osterburg und Seehausen *).
Dies alles weist darauf hin, daß die Bauern es durchaus
nicht zuließen, daß ihnen auch das letzte Stück Vieh aus
1) 30. Jahresbericht, S. 48f.
2) Zahn (1904), S. 47.
3) B. G. St. Eep. 53. 14c. Bericht von 1642 Jan. 11.
4) Ebenda, 1642 Jan. 22 und 30.
II. 1. Kaphahn, Die Wirtschaft!. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 85
dem Stalle geraubt wurde, und sie am Ende aller Arbeits-
tiere bar gewesen wären, daß sie diese vielmehr durch die
Flucht retteten oder im Kampfe verteidigten. Daß ein
eigentlicher Mangel an Vieh, der sich durch den Import von
fremdem nicht rasch hätte beseitigen lassen, nach dem Kriege
nicht bestand, darauf weisen auch andere Tatsachen hin; so
wenn z. B. die Diesdorfer Amtsuntertanen 1616 bis 1617
81 Lämmer, 28 Füllen, 143 Kälber, während des Krieges
dann allerdings oft erheblich weniger, 1646 bis 1647 aber
schon wieder 55 Lämmer, 30 Füllen, 138 Kälber Fleisch-
zehnt zahlten ^), oder wenn selbst im schwer geprüften Amt
Arneberg 1652 auf jeden der 56 besetzten Höfe in den er-
wähnten Orten durchschnittlich 3 Pferde, 2h Ochsen und
3 Kühe und auf jeden der 31, von denen wir allein Nach-
richt über den Kleinviehbestand haben, 3 Schweine, 5i Schafe,
1 Rind kamen -). Daß 1661 im Amte Neuendorf noch gün-
stigere Verhältnisse anzutreiFen waren, versteht sich von
selbst. Hier verfügten die 119 vorhanden Ackerleute durch-
schnittlich über 4^ Pferde, 2 Ochsen (Stiere), 5 Kühe (Fersen
und Kälber), 3 Schweine, 10 Schafe, 5 Gänse und 8 Hühner'^).
Man hatte in den 50 er Jahren den Viehbestand noch weiter
ergänzen können. Dieser Umstand erklärt auch, daß un-
mittelbar nach dem Kriege große Teile bäuerlichen Ackers
wieder in Anbau genommen wurden, die zeitweise wüste
gelegen hatten, von einzelnen Bauern mitunter über den
eigenen Besitz hinaus, indem sie durch Wüstpächte das
Recht erwarben, fremdes, verlassenes Land zu ihrem Vorteil
zu nutzen^). Der gesamte Boden, der vordem dem Feld-
fruchtbau gedient hatte, kam freilich noch auf lange hinaus
nicht zur Bestellung. Selbst im Amte Neuendorf war dies
1661 noch nicht der Fall, und 1663 erging in den branden-
1) M. St. Eep. D. Amt Diesdorf, Nr. 57 (58—65), 66.
2) Vgl. S. 79, Anm. 1.
3) Vgl. S. 74, Anm. 1.
4) So wird in der Beschreibung des Amtes Arneburg von 1652
bei zwei wüsten Höfen des Dorfes Baben hinzugefügt daß Stücke Landes
davon an dortige Bauern verpachtet wären. — Ebenso sind 1649 im Dorfe
Crosigk drei Bauern Wüstpächte eingegangen. B. G. St. Eep. 53. 10.
86 Geschichtliche Studien. II. 1.
burgischen Landen das Gebot, daß die Untertanen von ihren
mit Fichten und anderem Gesträuch bewachsenen Ackern,
die dadurch zu wildem und wüstem Land geworden seien,
jährlich mehr in Anbau nehmen sollten, worüber eine Visi-
tation Kontrolle halten würde ^). Diese ergab aber im fol-
genden Jahre, daß es wenig befolgt w^orden war; viele hätten
die Bäume stehen lassen, damit sie um so besser jagen
könnten -). Doch war dies kaum ein gewichtiger Grund,
ebensowenig wie der Mangel an Vieh oder die verdorbenen
Ackerinstrumente, die der Bauer neben einem zerstörten
Hause und einer verbrannten Scheune oft genug antraf,
wenn er von der Flucht vor den Soldaten in sein Dorf
zurückkehrte. Was diesen letzteren Umstand betrifft, so ist
auch bei dem platten Lande darauf aufmerksam zu machen,
daß Guts- und Dorf brande in jener Zeit gar nichts seltenes,
darum weniger einschneidende Ereignisse für das NVirtschafts-
leben waren und zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine be-
sondere Ausdehnung angenommen zu haben scheinen; denn
der Kurfürst befahl 1606, die mit den Häusern verbundenen
Backöfen und die Schmieden, die die Hauptursachen der
Brände wären, niederzureißen und außerhalb des Dorfes an
einer von den Gehöften entfernten Stelle zu errichten %
Für die Zeit nach dem Kriege kam aber außerdem, wenigstens
den kurfürstlichen Untertanen zugute, daß sie von den Amtern
zum Wiederaufbau ihrer Gebäude das Holz meist unentgelt-
lich oder wenigstens zu ermäßigtem Preise erhielten ^). Nein,
daß viele Äcker nach dem Kriege noch auf Jahre hinaus
unbebaut blieben, war in anderem begründet: einmal in dem
tatsächlichen Mangel an Untertanen, weswegen z. B. die
Äcker des Dorfes Staats im Amte Neuendorf nicht völlig
bebaut werden konnten; dann aber machte die durch die
gesunkene Einwohnerzahl verminderte Nachfrage nach Feld-
früchten einen allzu ausgedehnten Anbau gar nicht
1) C. C. M. V. m. 2. Kap. 335 f.
2) Ebenda, 335 £F.
3) C. C. M. VI. I. Sp. 187 ff.
4) C. C. M. VI. I. Sp. 399 ff. Verfügung von 1650 Okt. 23.
n. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d, 30 jähr. Krieges usw. 87
vorteilhaft, denn es trat eine Überproduktion an Getreide
ein , die dessen Preise in fruchtbaren Jahren nach dem
Kriege zu starkem Sinken brachte^); schließlich aber hinderte
auch die starke Verschuldung des bäuerlichen
Besitzes eine rasche Aufnahme des Landes, indem die
Bauern, soweit nicht der Konkurs über sie hereingebrochen
war, von ihrem Hofe fem blieben, aus dem sie doch nicht
herauszuarbeiten vermochten, was jährlich an Zins und Kon-
tribution von ihnen gefordert wurde. Sie zogen es darum
vor, notdürftig ihren Unterhalt damit zu erwerben, daß sie
fremde Acker für geringes Entgelt bebauten -).
Wie wir wissen, ist die bäuerliche Verschuldung kein
Produkt des 30 jährigen Krieges. Auf einem großen Teile
der Bauern lastete sie schon übermächtig vor ihm, und 1668
berichtete der Amtmann über die Diesdorfer Untertanen:
„Daß sie zu Friedenszeiten schon zu großen Schulden be-
stecket, ist mit zwei alten Retardatregistern zu belegen, item
mit einem Borgregister, . . . ihre Vorfahren haben auch zu
Salzwedel und Gardelegen so große Schulden gemacht, daß
fast wöchentlich darüber annoch Klage einkommt •'^)." Die
bei den Dienstherren sind insofern während des Krieges nicht
gestiegen, als der Kurfürst seinen Untertanen schon Ende
der 40 er Jahre, denen des Amtes Tangermünde z. B. 1646
eine „totale Remission" aller rückständigen Pachte ge-
währte und die Adeligen aufforderte, das gleiche zu tun^);
und die altmärkisch-priegnitzische und mittelmärkische Ritter-
schaft denen des Amtes Diesdorf 1649 alles schenkte, was
diese seit 1614, dem Jahre, in dem der Kurfürst das Amt
an sie verpfändet hatte, ihr abgeborgt hatten 5). Waren den
1) Vgl. darüber weiter unten S. 98, Anm. 1.
2) Da aber jeder wüste Hof dem Kurfürsten die Kontribution ver-
minderte, so ist es natürlich, daß er seit 1635 in jeder Bauernordnung
(1644, 1645, 1651) dies verbot (C. C. M. V. HI. 1. Kap. Sp. 23ff., 37ff.,
55fiF., 109 ff.).
3) M. St. Rep. A. 23 c. Amt Diesdorf, Nr. 193, Bl. 87.
4) Ebenda, Amt Tangermünde, Nr. 516. — Vgl. auch im Landtags-
rezeß von 1653 Punkt 36 (C. C. M. VI. I. Sp. 425 ff.).
5) Vgl. Anm. 3.
88 Geschichtliche Studien. H. 1.
Untertanen aber Dienste und Zinse für die Kriegszeit er-
lassen worden, so wurden sie um so hartnäckiger unmittel-
bar nach dem Kriege verlangt, und der Amtmann von Tanger-
münde schritt 1654 ohne weiteres zur Exekution als die
Untertanen des Dorfes Wendemark ihren Verpflichtungen
dem Amte gegenüber nicht nachkamen ^). Unter solchen
Umständen konnten natürlich die Bauern zu keinem guten
Aufnehmen gelangen. Sie gerieten von neuem in Schulden,
und 1668 betrugen die der Diesdorfer Untertanen an das
Amt schon wieder 3007 thlr 6 gr II2 D, zu einem Drittel
erzeugt durch das Borgen von 40 w Roggen im Werte von
1080 thlr im Teuerungsjahre 1652, die sie wohl versprochen
hatten zurückzugeben, was sie aber nicht vermochten '^).
Waren aber die Bauern den Dienstherren gegenüber immer
noch in der günstigen Lage, daß ihnen das nachgesehen
wurde, was sie aus Kriegsbeschwer nicht zu leisten ver-
mochten, so drängte dagegen der städtische Gläubiger brutal
und unnachsichtlich und war schnell mit der Pfändung bei
der Hand, so daß 1629 die altmärkische Ritterschaft von
ihren Untertanen klagen konnte, daß „diejenigen, so mit
Schulden belästigt und belagert, ihren Creditoribus mit vielen
Zinsen, die sie impedimenter nicht haben abtragen können, ver-
haftet worden", daß über viele die Exekution gekommen sei
und daß die Bauern das Ihre verlassen hätten. Vor dem
Konkurs wurden ja auch sie teilweise durch die seit
1629 erlassenen Moratorien geschützt. Aber es war doch
niu' ein Aufschub, und die durch erneute Schuldenaufnahme
oder rückständige Zinsen aufgeschwollene Summe abzuzahlen,
mußte später nur um so drückender empfunden werden.
Wohl dem Bauern, dessen Gläubiger sich zu einem billigen
Vergleich herbeiließ!
Aber mit der Verschuldung war es nicht genug I Für
Gegenden, deren Bevölkerung sich stark vermindert hatte, kam
als weiteres Beschwernis hinzu : eine drückende Steigerung
1) M. St. Eep. A. 23 c. Amt Tangermünde, Nr. 179.
2) Ebenda, Amt Diesdorf, Nr. 193, Bl. 45 ff.
II. 1. Kaphabn, Die Wirtschaft!. Folgen d. SOjähr. Krieges usw. 89
der Fronden. Adel und Amtleute haben ihren Bedarf an
Diensten bei der verminderten Zahl der Untertanen in der Alt-
mark auf doppelte Weise zu decken gewußt. Nicht etwa diurch
Vermehrung des Gesindes ! Abgesehen davon , daß dieses
nach dem Kriege ebenso rar wie anmaßend in seinen Lohn-
forderungen war, so daß der Kurfürst, von den Ständen
gedrängt, 1635 auch in der Altmark diese in einer Taxa
fixieren mußte ^), so wäre ihnen dieses Hilfsmittel auch
zu kostspielig gewesen. Man suchte und erreichte es auf
billigere Weise : einmal, indem man nun auch in den branden-
burgischen Landen links der Elbe den Gesindezwangsdienst
einführte, d. h. die Verpflichtung der Untertanenkinder, die
drei ersten Dienstjahre dem Herrn um geringes Entgelt zu
widmen ^), zum andern aber, indem man von den Untertanen,
wie wenige es auch sein mochten, in Summa dieselben Fronden
forderte wie vor der Einwohnerabnahme; ja 1651 klagten
sämtliche Schulzen und gemeine Untertanen des Amtes
Arendsee, daß sie diesem nicht allein die vollkommenen
Dienste, „gleichsam wären die Dörfer ganz besetzet", ge-
leistet hätten, sondern auch noch darüber in anderen
Amtern, und baten den Kurfürsten um eine Visitation, die
erweisen solle, daß sie die vollständigen Fronden zu leisten
außerstande seien, weil im Amte viele Stellen wüst lägen ^).
Trotzdem muß auch für die bäuerliche Bevölkerung be-
tont werden, daß weder Plünderung und Kontribution, noch
die im Kriege gestiegene Last der Schulden und Dienste
deren völlige Verarmung hätte herbeiführen können. Wohl
mag mancher bäuerliche Wohlstand aus der Zeit vor dem
1) C. C. M. V. III. Sp. 23fiF., 37ff., 55ff. Die Löhne wurden fest-
gesetzt auf jährlich:
18 — 24 fl für einen großen Knecht auf einem Gute von 2 — 4 Hufen,
10 — 12 fl für einen Mittelknecht,
6 — 8 fl für einen Dienstjungen,
4 fl und 8 Ellen Leinwand für eine Magd.
2) Vgl. die Ediiite von voriger Anm.
3) M. St. E«p. A. 23 c. Amt Arendsee, Nr. 220, Bl. 16.
90 Geschichtliche Studien. II. 1.
Kriege vernichtet worden sein; daß es aber mit ihren Unter-
tanen nicht bis zum äußersten kam, dafür sorgten schon die
Gutsherren, die auch Abgaben in Geld und Naturalien von
ihnen zu fordern hatten; und in der Tat berichtete 1644
die altmärkische Ritterschaft: „An unseren Orten haben wir,
ohne Ruhm zu melden, verhütet, daß durch die Exekution
der Soldateska die armen Leute nicht gar ausgemergelt werden
möchten ^)." Wie hätte auch eine bis aufs Blut ausgesogene
Bevölkerung die Summen an Kontribution aufbringen können,
die die altmärkischen Bauern neben den Städten unmittelbar
nach dem Kriege geliefert haben "-) ?
Eine Gegend aber, die sich nach dem Kriege in recht leid-
lichen Verhältnissen befunden haben muß, war das Amt Neuen-
dorf, dessen Einwohner schon 1647 den Kurfürsten um Er-
laubnis des Hopfenexports außer Landes, wie die Gardelegener,
baten ^), und in dem die drei Dörfer Kloster Neuendorf, Jäve-
nitz und Zienau dem Pfarrer nicht allein die laufenden Ab-
gaben, sondern auch die Hälfte seines rückständigen Soldes
von 800 thlr von 1644 an zu festgesetzten Jahresterminen
pünktlich bezahlten, so daß sein Sohn, der 1650 die letzte
Rate empfing, in das Kirchenbuch dieser Orte schrieb:
„Vielen anderen Geistlichen in der Altmark, die doch noch
an sichereren Orten gesessen, hat es so gut nicht werden
mögen, wird ihnen auch noch nicht so gut werden" ^). Wie
häufig freilich der Wanderer am Ende des Krieges in der
Altmark Dörfer in so relativ guten Verhältnissen angetroffen
haben würde, wissen wir nicht.
Da die altmärkisch -priegnitzische Landschaftskasse zu
Beginn des 30 jährigen Krieges schuldenfrei war, so konnte
1) B. G. St. Eep. 53. 13 a. Bericht von 1644 Juni 5.
2) Spezielle Angaben sind unmöglich, da nicht feststeht, wieviel die
Adeligen selbst und wieviel ihre Untertanen zur Kontribution beigetragen
haben. Das Verhältnis der ritterschaftlichen Kontribution zur städtischen
verhielt sich seit dem 8. Juli 1643 wie V12 zu Vj., (Isaacsohn [1880], S. 43).
3) Prot, und Rel. IV, S. 13.
4) Notiz zu Anfang des Kloster Neuendorfer Kirchenbuches.
II. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. SOjähr. Krieges usw. 91
zwar dem Adel mit Summen, die er bei ihr stehen hatte,
nicht das gleiche widerfahren wie den Bürgern der alt-
märkischen Städte mit ihren Darlehen an die städtischen
Kassen; wohl aber wurde er in die Katastrophe hinein-
gezogen, die über diese letzteren im Kriege hereinbrach.
Wie wir wissen, waren die Adeligen vor allem bedeutende
Gläubiger der altmärkisch -priegnitzischen Städtekasse und
sahen sich als solche während des Krieges in die gleiche
Lage versetzt wie die übrigen Kreditoren. 1630 klagte die
altmärkische Ritterschaft, „die Kommunen hätten in vielen
Jahren niemand nichts abgetragen", „durch Mittel der Exe-
kution aber könne man nicht an sie kommen" ^), und 1634,
daß sie vom Gelde, das schon ihre Vorfahren den Städten
anvertraut hätten, von diesen weder Zins noch Kapital er-
balten hätten -). Wie es Jahrzehnte lang dauerte , ehe die
Adligen überhaupt etwas vom Vermögen ihrer Väter zurück-
erhielten, so haben sie auch in die Reduktion und „Behande-
lung" ihrer Kapitalien willigen müssen, und ein großer Teil
des Vermögens, das Eltern und Voreltern im 16. und be-
ginnenden 17. Jahrhundert aufgesammelt hatten, ist unter-
gegangen bei dem Bankerott, der über die Kreditinstitute
während des Krieges hereingebrochen ist.
Es läßt sich von dieser Seite aus begreifen, wenn der
altmärkische Adel schon in den 30 er Jahren des 17. Jahr-
hunderts und dann namentlich 1643 sich gegen ein all-
gemeines Indultum Moratorium aussprach ^), obwohl es ihm
anderseits zugute kommen mußte; denn, wie wir sahen, fand
sich vor dem Kriege neben adeligem Reichtum auch hypothe-
karische Verschuldung. Schon im beginnenden 17. Jalir-
hundert hat sie mitunter zu Konkursen geführt ') , die an
1) B. G. St. Rep. 53. 16. Eingabe von 1630 Sept. 7.
2) Ebenda, Rep. .53. 17. Eingabe von 1634 Febr. 20.
3) Vgl. vorige Anm. und U. und A. X, S. 122 f.
4) So stand der v. Alvenslobensche Besitz zu Rogätz 1614 vor dem
Konkurs und wurde von dem Geschlechte nur mit Mühe gehalten (C. D.
A. III, S. 578), und 1623 geriet der Anteil Hans Ciamors v. Alvens-
leben am Calbischen Gute in Konkurs (C. D. A. III, S. 567),
92 Geschichtliche Studien. II. 1.
Zahl zunahmen, als die Einnahmen von den Gütern im
Laufe des Krieges sich durch Ausfall der Untertanen-
dienste und -abgaben sowie durch Wüstliegung der Acker
verringerten und der Junker dadurch seinen Verpflichtungen
nicht mehr nachzukommen vermochte ^). Namentlich die
„Privaten von den Städten" drangen auf Rückzahlung der
geliehenen Gelder oder bei deren Unmöglichkeit auf Exe-
kution -), und 1643 behauptete die gesamte märkische Ritter-
schaft, daß „solche (Exekutionen) am meisten und öftesten
wider die vom Adel" vollzogen würden, „wie das Kurfürst-
liche Kammergericht und alle Regierungen bezeugen werden" •^).
Da der Kurfürst nicht ohne seine und seiner Vorfahren
„Disreputation, auch große Zerrüttung und Konfusion in
dem Justiz wesen" die mit seinem und ihrem Konsens auf
die Güter aufgenommenen Hypotheken kassieren konnte
— worum die Ritterschaft 1643 anhielt^) — gelangten auch
noch weitere Besitzungen des Adels unter den Hammer, so
in der Altmark das Rittergut Hennings v. d. Schulenburg
zu Falkenberg (bei Seehausen) Ende der 40 er Jahre und das
V. Alvenslebensche zu Rogätz 1650^). Dabei suchte der
Kurfürst sie diesem möglichst zu erhalten, wenn er 1653
bestimmte, daß bei Subhastationen als Käufer des Gutes
„einer von Adel bilHg einem anderen, so nicht ex ordine
nobilium ist, in allerwege zu präferieren" sei, und, wenn
es in Ermangelung eines solchen dennoch einem Bürger zu-
geschlagen werden müsse, es in Form des Wiederkaufs
geschehen solle, so daß „nach Verfließung der Wiederkaufs-
jahre . . . einer von Adel . . . vor anderen" es wiedererwerben
könne ").
1) Vgl, S. 91, Anm. 1.
2) Vgl. S. 91, Anm. 2.
3) Prot, und Rel. II, S. 78.
4) C. C. M. VI. I. Sp. 377 ff.
5) Steffen, S. 9. — v. Mülverstedt, S. 578. Die übrigen Be-
sitzungen des Geschlechts v. Alvensleben in der Altmark: Erxleben und
Isernschnibbe blieben ihm schuldenfrei erhalten (S. 568 f.).
6) C. C. M. VI. I. Sp. 425 ff.: Nebenbest. 12.
II. 1. Kaphah u , Die wirtschaftl. Folgen d. SOjälir. Krieges usw. 93
Waren dies alles Erscheinungen , die sich in einem
längeren Kriege als notwendige Konsequenzen ergeben mußten
aus den wirtschaftlichen Verhältnissen, in die der Adel vor
ihm hineingewachsen war, so litt er unter dessen unmittel-
baren Wirkungen von allen Einwohnern wohl am wenigsten.
Gewiß hat auch er die Kriegslasten gespürt. „Daß der
Adel nicht freisitze, sondern des öfteren das Seine gegeben,
weisen die Kontributionsregister aus", erklärte 1644 die
altmärkische Eitterschaft ^); aber gerade den Plünderungen
gegenüber, die für das platte Land die schlimmste Geißel
waren, befand sie sich in einer relativ sicheren Lage: nicht
allein dadurch, daß Salvaguardien die Überfälle streifender
Scharen oft unmöglich machten; durch seine Beziehungen
war der Adel meist auch über die Truppenbewegungen
orientiert und konnte zur rechten Zeit die fahrende Habe
in Sicherheit bringen; zu den Führern endlich stand er oft
in einem Verhältnis, das ihn vor Plünderungen schützte.
Belege hierfür bieten namentlich die Briefe von Adligen,
die sich aus der Zeit des Krieges erhalten haben. So
schreibt 1635 Juli 30 Levin v. d. Knesebeck an seinen
Bruder Hempo in Tylsen, er fürchte für die Altmark einen
Heeresdurchzug, „hielte darum davor, was man an mehr
sichere Orte zu schaffen vermag, damit gar nicht zu säumen" -);
Elias V. Alvensleben auf Isernschnibbe an seinen Vetter
Valentin Joachim auf Erxleben 1638 März 24, daß man
gegen Abend oder Morgen die Ankunft der sächsischen
Armee gefürchtet habe, der Oberstwachtmeister in Garde-
legen, bei dem er um eine lebendige Salvaguardia an-
gehalten, hätte ihn aber versichert, daß es unnötig sei, da
die Völker anderswohin zögen; trotzdem wolle er „allhie
aufs Haus zur Beschützung desselben etliche Musquetiere
herauslegen"; weil der ganze Marsch aber nicht herkäme,
habe er (Elias) die Habe auf dem Hause gelassen 3); am 7. Mai
desselben Jahres dagegen meinte er, daß da Zeitungen kämen,
1) Vgl. S. 90, Anm. 1.
2) 18. Jahresbericht, S. 55.
3) 30. Jahresbericht, S. 50.
94 Geschichtliche Studien. II. 1.
die Montecuculischen Reiter hätten in den Dörfern mit
Wegnehmen des Viehes übel gehaust, es darum wohl am rat-
samsten sei, das Vieh an einen sicheren Ort zu bringen i);
1640 Juni 13 endlich bat er den Vetter, wenn er etwas
von Truppendurchzügen erfahre, ihm „solches alsofort zu
avisieren, damit man bei Zeiten vorbauen und das Vieh bei
Seite bringen kann", und ebendasselbe auch 1642 April 15-).
Charakteristisch für den Verkehr mit den Offizieren
aber ist ein Brief vom 6. Dezember 1639. Elias hat bei
dem Major Sperling an des Vetters Statt Gevatter ge-
standen, „und hat sich gedachter Major höchlich bedanket
so wohl auch seine Liebste, daß der Vetter solch christlich
Werk gerne hat verrichten wollen". Dann heißt es weiter:
„Herr Oberst Kerberg scheinet ein feiner, diskreter Kavalier,
hat sich gegen mir zu aller guten Nachbarschaft und Freund-
schaft erboten"; unter dessen Regimente befände sich auch
ein Major, „giebet vor, daß er mit dem Vetter wolbekannt
sei"^). li Jahr früher aber hatte der kaiserliche Oberst-
wachtmeister Stange den Dank für eine Salvaguardia, die er
dem V. Alvensleben auf Erxleben gesandt hatte, abgelehnt,
„wollte sich glückselig achten, wann er dem Vetter ange-
nehme Dienste und Freundschaft erweisen könnte"*). Von
Brandschatzung umliegender Dörfer ist in diesen Briefen mit-
unter, von einer der v. Alvenslebenschen zu Isernschnibbe
gehörigen Güter Weteritz und Jemmeritz aber nicht die Rede.
Es soll und kann damit durchaus nicht behauptet werden,
daß im Kriege adelige Güter von Verwüstungen völlig ver-
schont geblieben wären. Des Schreibers dieser Briefe, Elias
V. Alvenslebens, Sitz zu Rogätz fiel in der ersten Kriegszeit
einer Erstürmung durch die Dänen zum Opfer, und 1631
wurden sogar die beiden v. d. Knesebeckschen Güter zu
Tylsen von den Kaiserlichen geplündert ^) — nur daß unter
1) Ebenda, S. 53.
2) Ebenda, S. 61, 80.
3) Ebenda, S. 59.
4) Ebenda, S. 52 f. Brief von 1638 Mai 6.
5) C. D. A. III, S. 578. — 18. Jahresbericht, S. 14ff.
II. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 95
diesen Umständen die Häufigkeit einer Verwüstung viel
geringer war als beim schutzlosen Bauerngut, erscheint gewiß.
Dessen Verödung aber haben die Junker benutzt, um
ein Geschäft in Wiederaufnahme zu bringen, das sie im 16.
und beginnenden 17. Jahrhundert eifrig geübt, das ihnen aber
1615 vom Kurfürsten verboten worden war: den eigenen
Grundbesitz auf Kosten des Bauernlandes zu vergrößern ^).
Der Rittergutsacker hat auch in der Altmark im Laufe des
30jährigen Krieges zugenommen; ja es kam zu Neugründungen
von Rittersitzen, z. B. in Carbitz (Amt Tangermünde), wo vor-
dem keiner gewesen war, nach ihm aber Joachim v. Röppen
aus zwei wüsten Höfen einen solchen für sich errichtete.
Er weigerte sich, die auf den Gütern haftenden Dienstgelder
ans Amt Tangermünde zu zahlen ; aber ihm gegenüber -) war
der Kurfürst ebensowenig, wie anderen „Adeligen oder Be-
amten, so wüste Höfe gebrauchen" geneigt, sie von den
Abgaben zu befreien ^).
Schließlich lassen die Korn- und Geldregister des Amtes
Diesdorf, die uns für einige Jahre unmittelbar vor und nach
Beginn des Krieges und bald nach seinem Ende erhalten
sind, an einem einzelnen Beispiel seine Wirkungen auf die
Produktion eines großen Gutsbetriebes erkennen. Die des
Getreides gestaltete sich folgendermaßen •*) :
1) Formell wurde ihnen das Recht dazu 1646 durch die Erneuerung
des Landtagsrezesses von 1602 eingeräumt (C. C. M. VI. I. Sp. 389 ff.),
dann weiterhin auf dem Landtag von 1653 (C. C. M. VI. I. Sp. 425 ff.).
Sie werden aber bestimmt schon vorher sich die Entvölkerung zunutze
gemacht haben.
2) M. St. Eep. D. Amt Tangermünde, Lit. D. II. Der Kurfürst an
J. V. R 1657 Aug 6.
3) C. C. M. VI. I. Sp. 425 ff. Landtagsrezeß von 1653. — Ob es auch
für die Altmark zutrifft, was Groß mann, S. 62 für die Mark im all-
gemeinen behauptet, daß der Adel sich in Wirklichkeit vielfach „von der
Steuer, wie von den übrigen Lasten für die Hufen frei zu machen" wußte
und infolge dieses lukrativen Geschäfts mitunter die Wiederbesetzung
wüster Höfe zu verhindern suchte, konnte im einzelnen aus den im Vor-
wort erwähnten Gründen nicht nachgewiesen werden.
4) M. St. Rep. D. Amt Diesdorf, Nr. 628, 363 bis 365, 414 bis 415
(Kornrechnungen); Nr. 425 bis 426 (Geldrechnungen von Mich. 1616 17
96
Geschichtliche Studien.
II. 1.
V
Veiz
en
1 1
Roggen
Pacht
Pacht
Elf
jengewächs
w
seh
V
w seh
V
w
seh
V
Mich. 1623, 24
—
5
2
114 1
2'
) 45
(46
13
6
2
-Y)
„ 1625/26
—
7
2
114 1
2'
) 91
(43
12
8
„ 1627 28
—
—
—
11 6
—
119
(46
23
12
—
„ 1628/29
—
—
—
9 13
2
42
(34
17
6
—
„ 1645/46
—
3
—
45 18
2
62
(
2
?
3
„ 1646/47
3
52 14
2
l
55
3i
(30
8
„ 1647/48
—
3
—
52 11
2
55
(28
16
8
1
„ 1648/49
—
3
42 11
2
62
(32
5
18
2
Hafer
1
Gerste
Pacht
Eigengewächs
Pacht
Eigengewächs
w
seh
V
w
seh
V
w seh
V
w
seh
V
Mich. 1623/24:
10
16
2^)
98
14
2
1 9
1
) 37
21
3
(47
17
— )
(14
21
-)
„ 1625/26:
10
16
20 128
5
—
1 9
1
33
2
2
(44
20
— )
(12
4
-)
„ 1627/28:
—
—
—
61
22
2
— —
—
25
22
2
(31
20
— )
(10
15
-)
„ 1628/29:
—
—
—
57
2
2
— —
—
20
18
1
(30
8
— )
( 8
9
-)
„ 1645/46:
—
4
—
24
(
4
?
1)
2 21 -
—
22
(
12
?
3
)
„ 1646/47:
4
3
—
18
16
—
— 17 -
—
20
6
21
(14
20i
— )
(8
2
-)
„ 1647/48:
4
3
—
22
(16
3
23^
li
— 17
1
20
( 9
10
2
-)
„ 1648/49:
2
18
—
24
7
1
— 17 -
—
22
22
n
(17
19
— )
(9
3
-)
und Mich. 1647/48, die aus der Zeit des Krieges und unmittelbar vor
und nach ihm aUein erhalten sind). — Eine eingehende Beschreibung des
Wirtschaftsbetriebs auf den kurfürstlichen Ämtern in jener Zeit findet
sich bei Breysig, S. 202ff.
1) Abzüglich dessen, was die Untertanen in diesen Jahren schuldig
blieben, das aber in seiner Höhe nicht angegeben ist.
2) Die in Klammer gesetzten Zahlen geben die jeweilige Menge der
Aussaat an.
II. 1. Kaphahn, Die wirtsehaftl. Folgen d. 30 jähr. Krieges usw. 97
Diese Zusammenstellung lehrt, daß die Pachteinnahmen
im Kriege rasch sanken — sei es nun, daß die Bauern ihre
Feldfrüchte als Kontribution der eingelagerten Soldateska
liefern mußten, sei es, daß sie diese bei Plünderungen raubte
oder verdarb — und nach diesem sich erst allmählich wieder
steigerten; dasselbe mag auch für den von den Untertanen
zu leistenden Geldzins zutreffen, von dem wir nur wissen,
daß er Mich. 1616/17: 173 thlr 8 gr 10 ^, Mich. 1647/48
dagegen 81 thlr 9 gr 8 -^ betrug. — Die mit Roggen be-
baute Fläche des Amtsackers verminderte sich — wie aus
der Menge der Aussaat zu ersehen ist — in den allerersten
Kriegsjahren zwar nicht, wohl aber seit Ende der 20 er um
rund ein Drittel und hielt sich auf dieser Höhe auch in
der zweiten Hälfte der 40er Jahre; der Hafereigenbau ging
im Laufe des Krieges um ca. -/s, der von Gerste um ca. ^/^
zurück ^).
Es ist unter diesen Verhältnissen natürlich, daß auch
der Verkauf landwirtschaftlicher Produkte im Amte Dies-
dorf zurückging. Er richtete sich vor dem Kriege nach der
Fruchtbarkeit des Jahres, die hier überhaupt nicht groß war,
so daß der Ertrag in der ersten Hälfte des 17. Jahr-
hunderts dreifache Aussaat nicht überstieg -). Mich. 1616/17,
bei einer besonders guten Ernte, konnte das Amt (neben
12 s 2 V Weizen) 134 w 6 s Roggen und 36 w 20 s 2 v
Hafer losschlagen ^), Mich. 1623 '24 dagegen von jenem nur
20 w 8 s 2 2 V, von diesem 26 w 4 s. Obwohl die endenden
40er Jahre des 17. Jahrhunderts an Roggen die doppelte.
1) Die kleineren Kulturen, wie der Hopfen-, Buchweizen-, Erbsen-,
Flachs- und Hedenhau, wurden bald nach dem Kriege wieder in vollem
Umfange aufgenommen. Über den Eückgang des Viehstandes ließ sich
aus den Geldrechnungen nur ersehen, daß Mich. 1616/17 von 624,
Mich. 1647/48 dagegen nur von 170 milchenden Schafen Wolle geschoren
wurde.
2) 1599 bis 1648 erreichte sie ihn: 6 mal, den 2^ fachen 13 mal, den
2-^ fachen 7 mal, den 2 fachen 8 mal, die Aussaat 9 mal, diese nicht 7 mal
M. St. Eep. A. 23 c Amt Diesdorf, Nr. 193.
3) Gerste hat das Amt nie über den eigenen Bedarf hinaus gebaut,
sondern deren nach wie vor dem Kriege jährlich einkaufen müssen.
Geschichtliche Stadien. H. 1. 17
98 Geschichtliche Studien. IL 1.
an Hafer die lUache Aussaat einbrachten, konnte das Amt in
diesen Jahren doch nur jährlich 22 w 12 s von jenem und
16 s 3 V von diesem verkaufen. Hinzu kam ein bedeutender
Rückgang der Getreidepreise ^), der es bewirkte, daß die
Nettoeinnahme des Amtes relativ noch stärker als die Pro-
duktion sank. Mich. 1616/17 betrug jene 2828 thlr, 1647/48
dagegen nur 720 thlr.
Jedoch der Verkauf von Korn und der wenn auch
verminderte von Wolle -) blieb dem Amte — und auch dem
Adel, der schon 1641 dem Kurfürsten seine Bitten um
Öffnung der Grenzen für die Ausfuhr seiner Erzeugnisse
vortrug, denen dieser aber erst 1645 nachgab ^); und diese
nahm im 6. und 7. Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts wieder einen
so großen Umfang an, daß der Getreideexport der gesamten
Mark Brandenburg in manchen Jahren fast an den vor dem
Kriege heranreichte. Er ist es gewesen, der bei dem Tief-
stand des städtischen Gewerbelebens in jener Zeit fast allein
beträchtliche Summen Geldes ins Land brachte ^).
1) Für Eoggen erhielt das Amt Mich. 1616/17 durchschnittlich
21 thlr 18^ gr für den w, Mich. 1647/48 dagegen nur 11 thlr 18^ gr;
für Hafer Mich. 1616/17: 13 thlr 9^ gr für den w, Mich. 1647/48:
6 thlr; für Gerste endlich zahlte es Mich. 16/17: 27 thlr für den w,
Mich. 1647/48 nur 12 thlr.
2) Mich. 1616/17 wurden 428 Steine Wolle ä 1 thlr 12 gr, Mich.
1647/48: 173 Steine 3 ^, 1 thlr der Stein, vom Amte verkauft,
3) B. G. St. Kep. 53. 11. Eingabe von 1641 Okt. 8. — Naude
(1901), S. 62 fr.
4) Ebenda, S. 75 f.
Schlußbemerkungen.
Die wirtschaftlichen Folgen des 30jährigen Krieges für
die Altmark sind bisher schon zweimal geprüft worden:
durch Götze, im Rahmen einer Stadtgeschichte, und durch
Zahn, der aber den Schwerpunkt seiner Arbeit auf die
Darstellung der kriegerischen Ereignisse verlegt und sich
hinsichtlich deren ökonomischer Wirkung völlig auf Götze
stützt. Dieser aber kommt am Ende zu dem Urteil, für das
er uns zu einem Teile den Beweis überhaupt schuldig bleibt,
und das zum anderen auf ungenügender Verwendung ein-
wandfreien Quellenmaterials beruht, daß nämlich „die Mark
Brandenburg zu Ende des Krieges ein verödetes, verarmtes, ver-
wildertes, ausgeraubtes, ausgebranntes, ausgemordetes Land"
gewesen sei ^). Die Richtigstellung dieser verfehlten Be-
hauptungen bietet uns einen willkommenen Anlaß, die Haupt-
ergebnisse vorliegender Untersuchungen noch einmal kurz
zusammenzufassen.
Die Einwohnerzahl von Stadt und Land ist im Laufe
des Krieges hier ungefähr um 2/5, dort um die Hälfte zurück-
gegangen; aber zum wenigsten war sicherlich der Mord,
waren vielmehr an manchen Orten vielleicht eine verstärkte
Wirkung der Seuchen zur Kriegszeit, vor allem aber eine
geringere Erholungsfähigkeit der Bevölkerung von den Pest-
verlusten und die Auswanderung von Bürger und Bauer die
Ursachen.
1) Götze, S. 497.
100 Geschichtliebe Studien. II. 1.
Nicht die Kriegsfackel, sondern die verminderte Einwohner-
zahl hat in den Städten einen ihr entsprechenden Abgang
an Häusern hervorgerufen, indem die verödeten Wohnstätten
verfielen oder eingerissen und die Grundstücke von den
Bürgern erworben und zu ihrem Vorteile genutzt wurden;
auf den Dörfern ist freilich manches Gehöft von der maro-
dierenden Soldateska in Brand gesteckt worden. Die Be-
völkerungsabnahme erklärt es auch in erster Linie, daß
auf dem Lande noch Jahrzehnte nach dem Kriege viele
Acker, die vordem dem Feldbau gedient hatten, nicht wieder
unter den Pflug genommen und vom Gestrüpp, mit dem sie
sich während ihres Wüstliegens bedeckt hatten, noch nicht
gereinigt worden waren.
Gewiß ist mit dem Kriege eine schwere wirtschaftliche
Katastrophe über die Altmark hereingebrochen, xlber zu
ihrer Erklärung genügt es nicht, auf seine unmittelbaren
Folgen, auf Kontributionen und Plünderungen hinzuweisen;
gegenüber der geläufigen Vorstellung von deren Wirkungen
bedarf es einer beträchtlichen Einschränkung; eine Ent-
blößung des Landes von allen mobilen Wirtschaftsgütern,
eine absolute Verarmung der Bevölkerung haben sie eben-
sowenig herbeigeführt wie eine völlige Unterbindung des
Exporthandels und -gewerbes. Die unglückliche Wendung,
die in den ökonomischen Verhältnissen der Altmark im
Laufe des Krieges eintrat, wurde vielmehr in gleichem, wenn
nicht noch bedeutenderem Maße hervorgerufen durch den
Zusammenbruch der Kreditwirtschaft, die das Zeitalter des
Frühkapitalismus ausbildete, für deren günstige Fortentwick-
lung in den Städten jedoch seit dem 16. Jahrhundert die
Voraussetzungen — ein kühn vorwärtsdringender üntemeh-
mungssinn und eine zunehmende Ansammlung von realen
Wirtschaftsgütern — immer mehr dahinschwanden, so daß das
Land je länger je mehr in eine tiefe Überschuldung geriet.
Aber erst mit dem Kriege, der die Gläubiger zur Liquidierung
ihrer Forderungsrechte drängte, kam diese Tatsache den Zeit-
genossen zum vollen Bewußtsein und zeigte ihre verhängnis-
vollen Wirkungen, indem der schon längst unterhöhlte Kredit-
II. 1. Kaphahn, Die wirtschaftl. Folgen d. 30jähr. Krieges usw. 101
bau zusammenstürzte und mit sich Hunderttausende vor-
nehmlich bürgerhchen und adeligen Vermögens begrub. Es
ist dies eine Art von Kapitalvernichtung gewesen, die im
30jährigen Kriege auch in anderen deutschen Landen außer
der Mark Brandenburg eintrat, deren Wichtigkeit aber für
die Erklärung des Zusammenbruchs der deutschen Volks-
wirtschaft in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts von
der bisherigen Forschung noch nicht genügend hervorgehoben
worden ist.
Verzeichnis
1. der benutzten Quellenpublikationen.
Codex Diplomaticus Alvenslebianus, hrsg. von G. A. v. Mülver-
stedt. Bd. 3. Magdeburg 1885.
Codex Diplomaticus Brandeuburgiensis Continuatus, hrsg.
von G. W. V. Eaumer. Teil 2. Berün und Elbing 1833.
Corpus Constitutionum Marchicarum, hrsg. von Chr. 0. Mylius.
Teü 1—6. Berlin und Halle a. S. 1736.
Protokolle und Eelationen des Brandenburgischen Geheimen Rates
a. d. Zeit des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, hrsg. von 0. Meinardus.
Bd. 1—4. Leipzig 1889, 1893, 1896.
Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte des Kurfürsten Fried-
rich Wilhelm von Brandenburg. Bd. 10. Ständische Verhandlungen
(Mark Brandenburg), hrsg. von S. Isaacsohn. Berlin 1880.
2. der verwandten Literatur.
H. Baechtoldt, Der norddeutsche Handel im 12. und beginnenden
13. Jahrhundert. Abhandlungen zur mittleren und neueren Ge-
schichte, hrsg. von Finke u. a. Heft 21. Berlin -Wilmersdorf 1910.
E. Bahrfeldt, Das Münzwesen der Mark Brandenburg unter den Hohen-
zoUern bis zum Großen Kurfürsten, von 1415 bis 165U. Berlin 1895.
B. L. ßekmann, Historisehe Beschreibung der Chur und Mark Branden-
burg. Bd. 2. Berlin IV 53.
K. Breysig, Geschichte der brandenburgischen Finanzen in der Zeit
von 1640 bis 1697. Bd. 1. Leipzig 1895.
A. F. Büsching, Magazin für die neue Historie und Geographie. Teil 15.
HaUe 1781.
G. Daume, Bilder aus Seehausens Vergangenheit, Seehausen i. A. 1904.
R. Ehrenberg, Hamburg und England im Zeitalter der Königin Elisa-
beth. Jena 1895.
, Das Zeitalter der Fugger. Geldkapital und Kreditverkehr im
16. Jahrhundert. Bd. 1. Jena 1896.
B. Erdm annsdörffer, Deutsche Geschichte von 1648 bis 1740. Bd. 1.
Berlin 1892.
Verzeichnis der Quellen, Literatur, Abkürzungen. 103
G. Frey tag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit. Bd. 3. Leipzig 1867.
L. Götze, Urkundliche Geschichte der Stadt Stendal. Stendal 1873.
Fr. Großmann, Über die gutsherrlich-bäuerlichen Kechtsverhältnisse in
der Mark Brandenburg vom 16. bis 18. Jahrhundert. Staats- und
sozialwissenschaftliche Forschungen, hrsg. von G. Schmoller. Bd. 9,
Heft 4. Leipzig 1890.
B. Haendcke, Deutsche Kultur im Zeitalter des 30jährigen Krieges.
Leipzig 1906.
K. Fr. H a n s e r , Deutschland nach dem dreißigjährigen Kriege. Dargestellt
in politischer, materieller und sozialer Hinsicht. Leipzig und Heidel-
berg 1862.
J. Härtung, Die direkten Steuern und die Vermögensentwicklung in
Augsburg von der Mitte des 16. bis zum 18. Jahrhundert. Jahrbuch
für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen
Keiche, hrsg. von G. Schmoller. Bd. 22, S. 1255 ff. Leipzig 1898.
K. Hoeniger, Der dreißigjährige Krieg und die deutsche Kultur. Preu-
ßische Jahrbücher, hrsg. von H. Delbrück. Bd. 138, S. 402 ff.
Berlin 1909.
K. Th. V. Inama Sternegg, Die volkswirtschaftlichen Folgen des
dreißigjährigen Krieges für Deutschland. Historisches Taschenbuch,
hrsg. von F. v. Eaumer, 4. F. Bd. 5. Leipzig 1864.
S. Isaacsohn, Die Finanzen Joachims H. und das ständische Kredit-
werk. Zeitschrift für preußische Geschichte und Landeskunde, hrsg.
von C. Rößler u. a. Bd. 16, S. 455 ff. Berlin 1879.
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schichte und Industrie, hrsg. von Danneil, später von Zechlin, endlich
von Zahn. Magdeburg und Salzwedel 1838 ff.
J. Jastrow, Die Volkszahl deutscher Städte zu Ende des Mittelalters
und zu Beginn der Neuzeit. Historische Untersuchungen, hrsg. von
J. Jastrow. Heft 1. Berlin 1886.
A. Köhler, Der kulturhistorische Gehalt der Simplicianischen Schriften.
Ein Beitrag zur Geistesgeschichte der ersten Jahrzehnte des 17. Jahr-
hunderts. Studium Lipsiense, S. 225 ff. Berlin 1909.
B. Krieg, Bestand und Alter der Kirchenbücher in der Provinz Sachsen,
dem Herzogtum Anhalt und einigen thüringischen Staaten. Neue
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von G. Hertzberg. Bd. 19, Heft 1, S. Iff., 104ff. Halle 1895.
L. Krug, Preußische Staatsschulden, hrsg. durch C. J. Bergius. Breslau
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(1. und 2. Aufl.). Freiburg i. Br. 1904.
104 Verzeichnis der Quellen, Literatur, Abkürzungen.
Th. Lorentzen, Die schwedische Armee im 30 jährigen Kriege und ihre
Abdankung. Leipzig 1894.
E. Marcks, Bismarck. Bd. 1. Stuttgart und Berlin 1909.
0. Meinardus, Die wirtschaftlichen Zustände und Wandlungen in Land
und Stadt. „Protokolle und Kelationen", Bd. 2, S. CXXfif.
G. A. V. Miilverstedt, Übersicht über den v. Alvenslebenscheu Grund-
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Bd. 8, Heft 5. Leipzig 1889.
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geschichte der Mark im 30 jährigen Kriege. Forschungen zur branden-
burgisch-preußischen Geschichte, hrsg. von E. Koser. Bd. 2, S. Iff.
Leipzig 1889.
H. Pirenne, Geschichte Belgiens (übersetzt von Fritz Arnheim). Bd. 2.
Gotha 1902.
F. Priebatsch, Der märkische Handel am Ausgang des Mittelalters.
Schriften des Vereins für die Geschichte Berlins. Heft 36. Berlin 1899.
G. W. V. Kaumer, Die Steuerverfassung der Mark Brandenburg zur
Zeit Kurfürst Joachims H. Märkische Forschungen, Bd. 4, S. 321 ff.
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W. Keisner, Die Einwohnerzahl deutscher Städte in früheren Jahr-
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national -ökonomischer und statistischer Abhandlungen, hrsg. von
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A. Eitner, Altmärkisches Geschichtsbuch. Teil 2 der „Antiquitates
Tangermundenses", hrsg. von George Gottfried Küster. Berlin 1729.
M. Eitter, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Gegenreformation und
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G. Seh moller, Straßburger Tucher- und Weberzunft. Urkunden und
Darstellung nebst Eegesten und Glossen. Straßburg 1879.
, Die ältere Eibhandelspolitik. Stapelrechte und -kämpfe von
Magdeburg, Lüneburg und Hamburg. Jahrbuch für Gesetzgebung,
Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Eeiche, hrsg. von
G. Schmoller. Bd. 8, S. 1021 ff. Leipzig 1884.
Verzeichnis der Quellen, Literatur, Abkürzungen. 105
G. Schmoller, Das brandenburgisch-preußische Innungswesen von 1640
bis 1806. Forschungen zur brandenburgisch-preußischen Geschichte,
hrsg. von R. Koser. Bd. 1, S. 57 ff., 325 ff. Leipzig 1888.
, Die Epochen der preußischen Finanzpolitik bis zur Gründung
des Deutschen Reiches. Umrisse und Untersuchungen zur Verfassungs-,
Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte, besonders des preußischen
Staates im 17. und 18. Jahrhundert, S. 104 ff. Leipzig 1898.
, Historische Betrachtungen über Staatenbildung und Finanz
entwicklung. Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volks-
wirtschaft im Deutschen Reiche. Bd. 33, S. Iff. Leipzig 1909. (Soiider-
abdruck u. d. T. : Skizze einer Finanzgeschichte von Frankreich, Öster-
reich, England und Preußen [1500 bis 1900]. Leipzig 1909).
Chr. Schultz, Auff- und Abnehmen der Stadt Gardelegen, d. i. histo-
rischer Bericht von der äußerlichen und innerlichen Gestalt der Stadt.
Stendal 1668.
W. Steffen, Ein altmärkisches Rittergut in zwei Jahrhunderten. Pro-
gramm des Paedagogiums zu Putbus 1905.
R. Wuttke, Gesindeordnungen und Gesinde dienstpflicht in Sachsen bis
zum Jahre 1835. Staats- und sozialwissenschafthche Forschungen,
hrsg. von G. Schmoller. Bd. 12, Heft 4. Leipzig 1893.
W. Zahn, Die Altmark im 30jährigen Kriege. Schriften des Vereins
für Reformationsgeschichte. Heft 80. Halle a. S. 1904.
, Die Wüstungen der Altmark. GeschichtsqueUen der Provinz
Sachsen und angrenzender Gebiete. Bd. 43. Halle a. S. 1909.
3. der Abkürzungen.
B. G. St. = Berliner Geheimes Staatsarchiv.
M. St. = Magdeburger Staatsarchiv.
C. D. A. = Codex Diplomaticus Alvenslebianus.
C. D. Br. Cont. = Codex Diplomaticus Brandenburgiensis Continuatus.
C. C. M. = Corpus Constitutionum Marchicarum.
Prot. u. Rel. = Protokolle und Relationen usw.
U. u. A. = Urkunden und Aktenstücke usw.
thlr = Taler; fl = Gulden; gr = Groschen; sh = Schilling;
et) = Pfennig.
1 thlr = 24 gr = 12 • 24 <^
1 fl = 18 gr = 12 • 18 ^. = 7^ thlr.
1 fl = 24 sh = 24 • 9 ^
w = Wispel; seh = Scheffel; v = Viertel.
1 w = 24 seh = 24 • 4 v.
Berichtigungen.
S. 12, letzte Z.: lies „Landeshauptmanns" statt „Landesoberhauptmanns".
S. 16, Z. 16 und 17: ües „die" statt „das".
S. 40, Änra. 2, Z. 2: hinter „so daß" zu ergänzen „wir".
S. 53, vorletzte Z.: lies „nie" statt „wie".
S. 67, Z. 7: lies „es" statt „er".
S. 69, Z. 9: lies „hinübergreift" statt „hinübergrifF".
Druck von Friedrich Andreas Perthes, Aktiengesellschaft, Gotha.
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Deutsche Cjeschichlsblätter
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begrenzten Geschichtsforschung vermitteln, indem sie den
Lokalforscher über die Probleme der allgemeinen Geschichte
unterrichten und den Forscher auf allgemeinen Gebieten
namentlich davon in Kenntnis setzen, was im einzelnen Falle
aus den verschiedenen Gegenden Deutschlands an gleich-
artigem Material vorliegt. Die Zeitschrift sucht deshalb ihre
Freunde im Kreise der meist akademischen Vertreter der
allgemeinen Geschichte, aber nicht minder unter den
Archivaren, den in zahbeichen Geschichts vereinen
organisierten Lokalforscbern sowie unter den Geschichts-
lehrern der höheren Lehranstalten, welche sämtlich durch
zusammenfassende kritische Aufsätze über den gegenwärtigen
Stand der Forschung auf den verschiedensten Gebieten unter-
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